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Norddeutsche Rundschau

20. Oktober 2017 | 04:01 Uhr

Praktikum : Lernen für eine eigene Praxis

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Studentin der Veterinärmedizin aus der Ukraine besucht Glückstadt für ein Praktikum in einer Kleintierpraxis

von
erstellt am 14.Aug.2014 | 05:00 Uhr

„In meiner Heimat herrscht tatsächlich Krieg. Das lässt niemanden in der Ukraine kalt. In fast allen Familien sind Ehemänner oder Brüder eingezogen worden. Viele Menschen sind schon gestorben.“ In der beschaulichen Tierarztpraxis des Ehepaares Nehring an der Stadtstraße klingen diese Sätze unwirklich. Für Maria Shpakovska sind sie bittere Realität.

Die 18-jährige Maria stammt aus Kiew, lebt dort mit ihren Eltern und studiert an der Universität seit einem Jahr Tiermedizin. Für zwei Wochen ist sie jetzt in Glückstadt zu Gast und macht in dieser Zeit ein Praktikum bei Dr. Thomas Nehring und seiner Frau Gabriele, um die Arbeit in einer Kleintierpraxis aus der Nähe kennen zulernen. Es ist ihr erster längerer Aufenthalt in Deutschland.

Auch für Thomas Nehring und sein Team ist es eine Premiere. Seit 1993 behandelt der Tierarzt gemeinsam mit seiner Frau vor allem Hunde und Katzen, aber auch Heimtiere wie Hamster oder Kanarienvögel in seiner Praxis. Er hat oft Praktikanten, meistens Schüler, die sich für den Beruf des Tierarztes oder des Tiermedizinischen Fachangestellten interessieren.

Eine Studentin aus der Ukraine war bisher nicht darunter. „Ich bewundere Marias Mut. Wenn ich es mir andersherum vorstelle, wäre ich als junger Student in der Ukraine sicher nicht so gut zurecht gekommen, wie sie jetzt hier bei uns.“ Während ihrer Zeit in der Praxis ist die angehende Veterinärin in alle Arbeitsschritte eingebunden und hilft in den Sprechstunden. Trotz Sprachbarriere – die junge Frau spricht fließend Englisch, aber nur wenig Deutsch – hat sie sich schnell eingearbeitet. Und erntet Lob vom zeitweiligen Chef: „Sie weiß schon sehr viel für ein Jahr Studium.“

Auch Maria gefällt die Arbeit in der modernen Praxis mit digitalem Röntgengerät und schonender Inhalationsnarkose: „Mir machen vor allem die ungewöhnlichen Fälle viel Spaß, wo nicht gleich klar ist, was dem Patienten fehlt und unterschiedliche Untersuchungsmethoden nötig sind. Bei diesen Fällen lerne ich natürlich am meisten.“ Die Behandlung der kleineren Patienten liegt der zierlichen Studentin nach eigener Aussage mehr als die Arbeit mit Pferden, Rindern oder Schweinen, die sie in der Ukraine auch schon ausprobiert hat: „Dafür fehlt mir aber einfach die körperliche Kraft.“

Vermittelt hat das ungewöhnliche Praktikum Dr. Sibylle Lindenberg. Die ehemalige Chefin des Glückstädter Krankenhauses organisierte früher Hilfstransporte für die Region um Tschernobyl. Seit über 20 Jahren hat sie gute Kontakte in die Ukraine, unter anderem zu der Kiewer Sektion des Serviceclubs der Soroptimistinnen: „Über den Club wurde die Anfrage nach einem Praktikumsplatz für Maria an mich herangetragen.“ Sie stellte nicht nur den Kontakt zu Thomas und Gabriele Nehring her, sondern kümmerte sich auch um die Organisation eines Besuchervisums. Da die Medizinerin ohnehin im August einen Besuch bei Freunden in Kiew geplant hatte, um diese in der aktuellen schwierigen Situation zu unterstützen und sich über die Lage vor Ort zu informieren, legte sie ihren Aufenthalt so, dass sie gemeinsam mit Maria zurück nach Deutschland reisen konnte.

Für die Zeit in Glückstadt wohnt die Studentin bei ihr – für Sibylle Lindenberg „gelebter interkultureller Austausch“: „Da haben beide Seiten etwas davon. Für mich ist das eine sehr angenehme Zeit.“ Gemeinsam machten Gast und Gastgeberin Ausflüge in die nähere Umgebung – zum Beispiel zur Seehundstation in Friedrichskoog. Die angehende Tierärztin hat aber auch allein die Umgebung mit dem Rad erkundet.

In Kürze kehrt Maria nach Kiew zurück. Die Zeit in Glückstadt wird sie in guter Erinnerung behalten: „Ich mag die Stadt und die Menschen hier – alle sind sehr freundlich.“ Später, nach ihrem Studium, könnte Maria sich vorstellen, in der Ukraine eine eigene Kleintierpraxis zu eröffnen – ähnlich der, die Nehrings in Glückstadt betreiben. Sie hofft, dass ihre Familie vom Krieg verschont bleibt und die Kämpfe im Osten ihrer Heimat bald enden. „Ob das möglich ist, weiß ich nicht. Ich habe sehr wenig Vertrauen in die Regierungen – weder in meine eigene noch in die russische.“

 

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