Porträt : Leidenschaftliche Forschung in der Literatur

Überfüllte Bücherwand, auch wegen der eigenen Werke: Dr. Alexander Ritter im heimischen Wohnzimmer in Itzehoe-Edendorf.
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Überfüllte Bücherwand, auch wegen der eigenen Werke: Dr. Alexander Ritter im heimischen Wohnzimmer in Itzehoe-Edendorf.

Der Itzehoer Dr. Alexander Ritter betreibt auch mit 75 Jahren noch akribisch seine wissenschaftliche Puzzlearbeit in der Welt des Geschriebenen.

shz.de von
17. Juni 2014, 10:06 Uhr

„Schreiben ist Freude“, sagt Dr. Alexander Ritter voller Leidenschaft. Der Wissenschaftler, der dieses Jahr seinen 75. Geburtstag feierte, liebt den Umgang mit der Sprache. Akribische Puzzlearbeit ist beispielsweise gefragt, wenn es um die Details der Reedereilisten, der Schifffahrt im 19. Jahrhundert und der Verhältnisse unter Deck bei der Überfahrt nach Amerika geht – das ist der Stoff, mit dem sich Ritter aktuell beschäftigt und der in seine nächste Veröffentlichung einfließen wird. Sorgsam ausformuliert und belegt, wie alle seine rund 250 Bücher und Aufsätze, die über die Jahre erschienen sind und vom kontinuierlichen Forschen, Suchen, Finden und Resümieren Zeugnis ablegen.

Seiner Forschungsleidenschaft geht Alexander Ritter nun schon seit seiner Promotion 1970 über den deutsch-amerikanischen Schriftsteller Charles Sealsfield an der Kieler Christian-Albrechts-Universität (CAU) nach. Viele Jahre lang parallel zum Beruf als Lehrer und Studiendirektor am Sophie-Scholl-Gymnasium sowie später als hauptamtlicher Lehrerausbilder. Mit der Habilitation 1989 verstärkte der Itzehoer den akademischen Schwerpunkt als Privatdozent an der Universität Hamburg. Rund zehn Jahre später ging er in Pension – die wissenschaftliche Berufung bleibt. „Diese kontinuierliche wissenschaftliche und publizistische Arbeit über Jahrzehnte war und ist nur dadurch möglich, dass meine Frau diese zeitraubende Dauerbeschäftigung geduldig unterstützt“, ist er sich seines familiären Privilegs bewusst.

Nach zahlreichen Aufsätzen über Sealsfield und der Herausgabe von sieben Materialienbänden, die die 24-teilige Gesamtausgabe ergänzen, arbeitet Alexander Ritter nun an einer Biographie über den „österreichischen Vormärzliteraten, den amerikanischen Autor, politischen Aufklärer und Börsenspekulanten“, wie er ihn im Untertitel einordnet. Sie wird wieder umfangreiches Expertenwissen bündeln und den lange in Vergessenheit geratenen Südmährer als bedeutenden Realisten nach Büchner und Heine vielen Literaturfreunden näherbringen. Carl Anton Postl (1793-1864), der viele Jahre in Amerika lebte, nannte sich als Autor Charles Sealsfield und schrieb neben Reiseberichten, die das veraltete Europa mit dem dynamischen Amerika verglichen, viele Romane, in denen er die Weltpolitik mit Erfahrungen in beiden Gesellschaftssystemen verbindet.

Zum Thema Sealsfield kam Alexander Ritter als gebürtiger Niederlausitzer über sein Interesse für russische Geschichte und die deutschen Minderheiten im Ausland. Für deren Literatur und Kultur ist er als Experte weithin gefragt, 2011 wurde er von der Gesellschaft für Deutsch-Amerikanische Studien in Kansas für hervorragende Leistungen mit dem „Outstanding Achievement Award“ ausgezeichnet. Zuvor war sein intensives Engagement 1990 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2009 mit dem österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst gewürdigt worden. Die Lichtenberg-Gesellschaft schreibt über Ritter als ihr Mitglied anlässlich einer weiteren geistesgeschichtlichen Ehrung, dass er „für die deutsche Literatur seit dem 18. Jahrhundert in ihren Wechselbeziehungen zu anderen Literaturen wissenschaftliches Neuland erschlossen und wichtige Impulse für die Forschung geleistet“ hat.

Diese wertvollen Resultate, die ihm die akademische Welt immer wieder bestätigt, erstrecken sich bis nach Itzehoe – wenngleich Alexander Ritters Heimatstadt diese zu seinem großen Bedauern bis heute wenig zur Kenntnis nimmt: „Die Stadt hat kein Interesse an literarischer Kultur. Keiner kümmert sich.“ Hintergrund für diese Kritik ist der zweite Forschungsschwerpunkt des Kultur-Schatzgräbers, der dem Itzehoer Aufklärer Johann Gottwerth Müller (1743-1828) gilt.

Seine Ergebnisse zu Müller stellte er beispielsweise nach der ersten Präsentation 1986 im Itzehoer Kunsthaus der Lichtenberg-Gesellschaft, an der Universität Freiburg, beim Germanistentag in Kiel, an der Universität Lausanne oder der Pariser Sorbonne vor. Auf der Homepage der Stadt findet sich unter der Rubrik Kultur eine detaillierte Abhandlung zu diesem Gelehrten, den Ritter auch für das renommierte Goethezeit-Portal porträtiert hat. Man erhalte in Itzehoe, so steht es dort, „keine zufrieden stellende Antwort“ auf die Frage nach dem Gelehrten. Es folgt der Hinweis auf irreführende Gedenktafeln, die sich auf falsche Wohnstätten beziehen. Auch der Besucher im Kreismuseum Prinzeßhof erfahre kaum etwas über Müllers „Konzept belehrenden Schreibens“, mit dem der umtriebige Itzehoer Gelehrte, Herausgeber und Verleger die Leser seiner unterhaltenden Romane, seiner Essays und gesellschaftskritischen Texte „zu intensiver Lektüre und zur Ausbildung ihres literarischen Geschmacks“ erziehen wollte.

Zweitweise hat Alexander Ritter auch selbst versucht, über die Kommunalpolitik die Weichen hin zu mehr Kultur zu stellen. Darauf blickt er aber eher desillusioniert zurück. Nachhaltige Wirkung in der Region erzielte er dafür durch die Herausgabe des Steinburger Jahrbuchs. Von 1975 bis 2011 hat der Itzehoer gemeinsam mit seinem Lehrer- und Studienleiterkollegen Peter Fischer, mit dem er bis heute eng befreundet ist, ehrenamtlich für jeden der 36 Themenbände Aufsätze angeregt, eingesammelt, redigiert und layoutet – und damit dem regionalgeschichtlichen Sammelwerk in den landesweit herausgehobenen Rang verholfen, auf dem die Nachfolger mit anhaltendem Erfolg aufbauen können.

Die Forschung blieb immer Ritters Schwerpunkt, seit einigen Jahren kann er sich dieser nun tagesfüllend widmen. „Die Literaturwissenschaft ist mein Leben“, sagt er selbst. Neben den Autorenschwerpunkten Sealsfield und Müller beschäftigt sich der 75-Jährige intensiver mit erzähltheoretischen Fragen und verfasste auch viele Fachartikel für Lehrermaterialien und Schulbücher. Mit vielen Verlagen ist die Zusammenarbeit auf Dauer angelegt. „Melden Sie sich, wenn Sie etwas haben“, heißt es dort.

Viele Reisen unternahm Ritter über die Jahre auch aus dem Interesse als Geograph, seinem zweiten Unterrichtsfach, doch mittlerweile sind es weniger. Auch die Vortragstätigkeit ist zurückgegangen. Doch die Liste mit sechs DINA-4 Seiten ist immer noch beeindruckend lang: Ritter war für rund 60 Universitäten und Kulturinstitute im In- und Ausland aktiv und seit 1977 bis vor wenigen Jahren dafür weltweit unterwegs. Die Studien zu Charles Sealsfield beispielsweise führten ihn nicht nur in dessen österreichische und tschechische Heimat, sondern öfter auch nach Kanada und in die USA, nach Vancouver, Kansas und Delaware. Auch in Europa und in Schleswig-Holstein gab es viele anregende Kontakte. Die Begegnungen mit Günter Grass, der einige Jahre in Wewelsfleth wohnte, erinnert der Itzehoer sehr gern. Er erlebte ihn viel umgänglicher, als man den Schriftsteller aus der Öffentlichkeit kennt.

Das Internet ersetzt Ritter nun viele Archivgänge, und der E-Mail-Austausch mit den dortigen Mitarbeitern ist entsprechend intensiv. Vor allem mit den südmährischen Archiven in Österreich und Tschechien steht er in engem Kontakt und knobelt parallel an vielen Sealsfield-Detailfragen für die neue Biographie. In seinem Arbeitszimmer stehen umgeben von zahlreichen dicht gefüllten Bücherregalen zwei große vernetzte Bildschirme nebeneinander. Damit kann er leicht Textteile verschieben und für seine wissenschaftliche Puzzlearbeit Parallelverzeichnisse übersichtlich führen. Und wenn man Alexander Ritter dort sitzen und strahlen sieht, weiß man: Er ist in seinem Element, und es gibt noch viel zu tun.

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