Leben in der DDR: Zeitzeuge spricht über Kommunismus

Mit seinen  Erinnerungen  traf Peter Drauschke  bei den  Schülern des Detlefsengymnasiums auf interessierte Zuhörer.  Foto: Jörgens
Mit seinen Erinnerungen traf Peter Drauschke bei den Schülern des Detlefsengymnasiums auf interessierte Zuhörer. Foto: Jörgens

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03. Mai 2013, 03:59 Uhr

Glückstadt | Eine Kindheit, geprägt von Hunger und Entbehrung, in den schweren Nachkriegsjahren, hat Peter Drauschke früh in die Arme des Kommunismus getrieben. Begierig saugte er als Kind und Jugendlicher die Lehren von Marx und Engels auf und erkannte deren Potenzial. Heute sagt er, dass die kommunistischen Staaten der Welt dieses Potential grundlegend verdrehen und dazu nutzen, Völker in Angst und Unterdrückung zu halten. Über seine Erlebnisse als Jungkommunist und späterem Regimegegner berichtete der 68-Jährige vor den Jahrgängen zehn bis 13 des Detlefsengymnasiums.

"Ich spreche hier für alle die, die das nicht mehr tun können, weil sie angesichts dessen, was ihnen im Kommunismus widerfahren ist, das Erlebte nie haben verarbeiten können und daran zerbrochen sind", erklärte Drauschke. Er wollte die Jugendlichen sensibilisieren, hellhörig zu bleiben und nicht alles zu glauben, was ihnen gut und richtig erscheint, sondern nachzufragen und Dinge zu hinterfragen.

Geboren wurde Peter Drauschke im Februar 1945 mitten im Bombardement der Alliierten in Hamburg. Seine ersten Erinnerungen hat er an das Jahr 1950. "Im Gedächtnis geblieben ist mir aus diesen Jahren vor allem eins: Wir hatten immer Hunger." Auf dem Schulhof wurden die Brote geteilt, die Kleidung war grundsätzlich gebraucht. "Meine erste neue Bekleidung bekam ich mit 15 Jahren." Diese Kindheit voller Entbehrungen ließ ihn schon recht früh in den Schriften von Marx und Engels blättern. "Mit 15, 16 Jahren war ich ein dogmatischer, von den Lehren des Kommunismus vergifteter, rechthaberischer Mensch."

Bereits in diesem Alter reiste er mehrfach in die DDR, um dort seine Ferien in Pionierlagern zu verbringen. 1963, als 18-Jähriger, entschied er sich, gemeinsam mit einem Freund aus Kindertagen, in die DDR überzusiedeln. "Heute weiß ich, dass ich in den Ferien nur den Staat für die Touristen gezeigt bekam. Das wahre Volk habe ich da nicht gesehen." In der DDR machte er schnell Karriere. Nach drei Monaten als Einzelhandelskaufmann im größten Kaufhaus Rostocks wurde er im selben Betrieb hauptamtlicher FDJ-Sekretär mit viel Einfluss in der Firmenleitung. 1963 bis 1969 arbeitete er in der FDJ-Kreisleitung und später der FDJ-Bezirksleitung mit, wo er für Agitation und Propaganda verantwortlich war. Anschließend besuchte er die Jugendhochschule und hier begann nach seinen eigenen Worten sein Umbruch mit einem Wort aus dem "Kapital" von Karl Marx: "Das Kriterium der Praxis ist die Wahrheit. Und auch die Liebe kann die Wahrheit nicht auslöschen."

Von diesem Moment an begann er, den Staat auf seine Wahrheit zu prüfen und erkannte, dass dieser Staat nicht nur ein diktatorisch-totalitärer war, sondern auch ein verlogener und durch und durch misstrauischer Staat. "Der Staat misstraute sogar den Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder. Deshalb wurden die Kinder schon kurz nach der Geburt in die Obhut des Staates gegeben. Und diese Kontrolle der Menschen war nahezu lückenlos." Kinder wurden dazu missbraucht, ihre Eltern und Freunde auszuhorchen. Was verdächtig und staatsfeindlich schien, wurde untersucht und endete nicht selten mit Inhaftierung.

Drauschke, seine Freundin und der Freund aus Kindertagen beschlossen zu fliehen. Die Flucht scheiterte, sie wurden inhaftiert und erlebten endlose Verhöre, grausame Zellen, Erzwingungshaft im Stehen und psychische Folter. Als gebrochener Mann kehrte er in die Heimat zurück.

"Nicht die DDR hat mich getäuscht, sondern ich habe mich in der DDR getäuscht, habe etwas hinein reflektiert, hineinfantasiert, was nicht der Realität entsprach. Damals hätte mich niemand aufhalten können. So überzeugt, wie ich heute gegen den Kommunismus hier rede, so überzeugt war ich damals vom Kommunismus."

Dass Drauschkes Zeitzeugenbericht bei den Jugend lichen gut ankamen, war daran zu merken, dass es ruhig war und sie sich nicht einmal von einer Pause ablenken ließen, in der es rundum unruhig wurde.

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