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Unter Denkmalschutz : Leben im ältesten Haus in der Krempermarsch

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Lutz und Viola Mühlbach wohnen in einem Bauernhof, der sogar den 30-jährigen Krieg überlebte – Baujahr 1560 ist das älteste Haus der Krempermarsch.

shz.de von
erstellt am 04.Jan.2016 | 17:48 Uhr

Glückstadt war noch eine Sumpflandschaft und selbst im sehr viel älteren Krempe war das Fundament für das ehrwürdige Rathaus noch nicht gelegt. Mitte des 16. Jahrhunderts lebten in Neuenbrook aber schon Menschen. Und zwar genau in dem Haus, das heute vom Ehepaar Lutz und Viola Mühlbach bewohnt wird. Für die Denkmalpfleger steht jetzt fest: Der alte Bauernhof im Ortsteil West ist das älteste in der Krempermarsch noch existierende Gebäude seiner Art. Baujahr: 1560.

Die auf historische Bausubstanz spezialisierte Wewelsflether Architektin Christine Scheer hatte es schon beim ersten Rundgang durch das niederdeutsche Hallenhaus geahnt. Eine dendrochronologische Untersuchung des komplett erhaltenen Eichengerüsts brachte dann Klarheit. Mitarbeiter des Fachbereichs Holzbau von der Uni Hamburg zogen Bohrkerne aus den mächtigen Balken. Aus dem Abstand der Jahresringe im Holz konnten sie nicht nur damals herrschende klimatische Verhältnisse, sondern auch genau ablesen, wann die Eichen für den Bau des Neuenbrooker Hofes gefällt wurden. „Die Bäume wurden im Winter 1560 geschlagen – sicher auf Bestellung und dann sofort verbaut.“ Vermutlich, so Christine Scheer, wurden sie von weither auf Flößen und dann das letzte Stück per Pferdefuhrwerk herantransportiert. Das vollständige Hausgerüst sei dann von Zimmerleuten vorbereitet und mit Hilfe von Flaschenzügen aufgestellt worden.

Dass der Hof mit seiner originalen Substanz überhaupt noch existiert, grenzt an an kleines Wunder. Im von 1618 bis 1648 tobenden 30-jährigen Krieg waren die in der Marsch stehenden Gebäude gleich reihenweise plattgemacht worden, um den Truppen freies Schussfeld bieten zu können. Verschont blieben lediglich die Hauptquartiere von Wallenstein und Co. Die fürstlichen Herrschaften wollten wenigstens ein Dach über dem Kopf haben. „Gerade in der Krempermarsch war der 30-jährige Krieg ein erheblicher Einschnitt“, so Christine Scheer.

Ob berühmte Heerführer sich auch in Neuenbrook einquartiert und so das Überleben des Hofes gesichert hatten, ist nicht überliefert. „Zuletzt war das hier ein Apfelhof“, berichtet Besitzer Lutz Mühlbach, den es vor zehn Jahren aus Hamburg nach Neuenbrook verschlagen hatte. Seitdem ist er gemeinsam mit seiner Frau damit beschäftigt, das betagte Gemäuer weitgehend in Eigenleistung wiederherzurichten.

Gemeinsam mit Berthold Köster vom Landesamt für Denkmalpflege und der Steinburger Denkmalpflegerin Beate von Malottky begab sich Christine Scheer noch einmal auf Spurensuche. Deutlich wurde dabei, wie sich das Haus im Laufe der Jahrhunderte den veränderten Bedürfnissen seiner Bewohner angepasst wurde. So wurde es Ende des 19.  Jahrhunderts nach vorne und schließlich auch noch hinten verlängert. „Vor dem ersten Weltkrieg gab es für die Landwirte eine gute Konjunktur“, weiß die Architektin, dass viele Erweiterungs- und Modernisierungsvorhaben an alten Höfen in diese Ära fallen.

Gut 400 Jahre lang war das Gebäude auch unter Reet, das dann von einer praktischeren Hartbedachung abgelöst wurde. Auch der mächtige Schornstein ist nicht ursprünglich. „Solche Rauchabzüge kamen erst nach 1780 in den Elbmarschen in Mode“, weiß Christine Scheer. Bis dahin zog der Rauch durch eine Öffnung im Dach ab. Übrigens: Ein solches Rauchhaus gab es noch bis 1938 am Altendeich bei Glückstadt. „Den Geruch bekommt man nie wieder raus“, weiß Berthold Köster. Interessierte Nachfragen, warum die alte Bausubstanz in der eher schwammigen Marsch kaum Schaden genommen hat, wusste er zu beantworten: „Die Häuser können viel ab.“ Einzig im Mauerwerk seien die Zeichen der Zeit erkennbar. Das hölzerne Gerüst aber halte ewig – wenn es nirgendwo Feuchtigkeit ausgesetzt ist.

Für Lutz Mühlbach war der Zustand damals denn auch ein Kaufargument – genau so wie der Umstand, dass die tragenden Balken aus Eiche sind. Das wurde in späteren Jahren mangels geeigneter Bäume eher selten, was den Hof in Neuenbrook für Denkmalschützer noch interessanter macht.

Nicht ganz so alt, aber nicht minder wertvoll sind auch Nachbargebäude in Neuenbrook-West. Neben dem Hof von Lutz und Viola Mühlbach werden jetzt noch drei weitere historische Gebäude von der offiziellen Denkmalplakette geziert. Der Text der dazugehörigen Urkunde ist für die Besitzer Anerkennung und Verpflichtung zugleich: für besondere Leistungen und die Bewahrung des kulturellen Erbes.

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