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Flüchtlinge : „Lasst diese Stadt nicht alleine“

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Flüchtlingsunterkunft in Marinekaserne wird in wenigen Wochen bezogen. Sachliche Diskussion auf Bürgerversammlung und viel Lob fürs Ehrenamt.

von
erstellt am 19.Okt.2015 | 05:00 Uhr

Die große Mehrheit der 700 Bürger, die sich in der Stadtkirche zum Thema Flüchtlinge informierten, wollte sachlich diskutieren: Als ein Bürger von islamistischen Terroristen sprach, die kommen würden und davon, dass der christliche Glaube nun „den Bach runter“ gehe, wurde er für diese Äußerungen ausgebuht. Sachlich und informativ waren dagegen diejenigen, die auf dem Podium aufklärten und sich vorstellten als Vertreter jener Behörden und Institutionen, die die geplante Landesunterkunft für Flüchtlinge in der ehemaligen Marinekaserne gemeinsam einrichten. Alle bekamen für ihre Antworten zwischendurch immer wieder Applaus aus dem Publikum.

Der Vertreter des Kieler Innenministeriums, Dirk Gärtner, bekannte als erster Redner: „Ich bin aufgeregt, weil hier so viele Menschen sind. Ich sitze sonst alleine in meinem Büro.“ Der Referatsleiter für Asylrecht machte dann aber deutlich in Bezug auf die Flüchtlinge: „Für uns steht fest: Niemand soll frieren oder hungern. Wir wollen diese Situation gemeinsam mit Ihnen ohne Angst und Träumerei, aber mit Mut und Zuversicht bewältigen.“ Im Vergleich zu Schleswig-Holstein würde es in anderen Bundesländern „drunter und drüber“ gehen. „Ich rede nichts schön, aber ich glaube, dass wir gerade erst dabei sind, unsere Kraft zu entwickeln.“ Und er betonte, dass es ohne Ehrenamtler nicht gehen werde.

Den Hauptpart, die Landesunterkunft zu erklären, übernahm Ulf Döhring. Der Leiter des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten erklärte: Die 2000 Asylsuchenden sollen in Zimmern mit vier bis sechs Betten untergebracht werden. Sechs Quadratmeter pro Person sind für den privaten Bereich vorgesehen. „Kein Luxus“, sagte er. Aber es sollen auch Freizeiteinrichtungen geschaffen werden, denn in der Regel bleiben die Menschen sechs Wochen in der Unterkunft, bevor sie auf die Kommunen verteilt werden. 140 Euro Taschengeld würde eine Einzelperson im Monat an Taschengeld bekommen. Vorgesehen ist, dass das Deutsche Rote Kreuz (DRK) zunächst die Betreuung der Menschen übernimmt. Zunächst vorläufig – bis ein ordentliches Ausschreibungsverfahren für den Betrieb der Unterkunft durchgeführt worden ist. Das DRK wird zunächst vor allem auf ehrenamtliches Personal zurückgreifen. Hauptamtliche Mitarbeiter werden derzeit gesucht.

Vorgesehen sind eine Hausbetreuung für die einzelnen Blöcke der ehemaligen Militäranlage, eine Sozialberatung, ein Kindergarten und angestrebt ist auch eine Schule, die von einer Schulleitung aus Glückstadt mitbetreut wird. „In Neumünster hat ein Junge nach drei Wochen auf das Gymnasium wechseln können“, erzählte Döhring von dem jungen Schach-Großmeister. Zum Thema Übergriffe und somit Schutz für Frauen erklärte er, dass diese sich in abschließbaren Räumen aufhalten können – und dass es nachts Wachleute gäbe.

Zudem versuchte Döhring den Anwesenden die Angst vor Krankheiten zu nehmen. Unterstützt wurde er darin von Professor Michael Kappus. Der ärztlichen Leiter des Klinikums Itzehoe verwies auf bisherige Erfahrungen aus anderen Einrichtungen, um Gerüchten vorzubeugen: 95 Prozent der Asylbewerber seien gesund. „Es sind überwiegend junge Leute.“ Tuberkulose haben es bei den bisherigen Patienten nur in zwei Fällen gegeben. „Sie müssen keine Angst haben.“ Weil sich Ärzte aus Glückstadt und Umgebung um die Erstversorgung der Flüchtlinge kümmern werden, erklärte der Sprecher der Ärzte, Hans-Christoph von Zezschwitz: Die Ärzte würden weiterhin ihre normalen Sprechstunden abhalten. Die Sprechstunden für die Flüchtlinge seien zusätzlich.

Ein großes Thema war die Sicherheit, zu der Polizeidirektor Kai Szimmuck, Ralf Kist, Leiter des übergeordneten Polizeireviers Brunsbüttel, und André Radunz, künftiger Leiter „Polizeistation Landesunterkunft Glückstadt“, Stellung bezogen. Anders als in anderen Bundesländern hätte sich die Polizei für eine Dienststelle innerhalb der Landesunterkünfte entschieden, sagte Szimmuck – zunächst mit fünf Beamten. „Ziel ist, 21 Polizisten in die Unterkunft zu bringen“, sagte der Glückstädter. In der Nacht werde es zusätzliche Streifen im Stadtgebiet geben.

Szimmuck betonte: „In anderen Einrichtungen haben wir so gut wie keine Straftaten.“ In Albersdorf helfen die Flüchtlinge mit und die Kinder grüßen mit „Moin, Moin“. Nur könne er nicht sagen, ob mit dem schlechten Novemberwetter vielleicht ein „Lagerkoller“ komme. Auch er bezeichnete die ehrenamtliche Hilfe „als große Klasse“. Ralf Kist stellte André Radunz „als unseren besten Mann“ vor. Radunz selbst machte das Angebot an die Bürger, dass sie sich jederzeit mit ihren Problemen an die Polizei wenden können.

Stefan Gerke, DRK-Kreisgeschäftsführer Steinburg, wandte sich direkt an die Bürger: „Wir brauchen Sie!“ 80 Mitarbeiter in Glückstadt seien geplant. Er würde sich über Bewerbungen für hauptamtliche Tätigkeiten freuen. Reimer Tiedemann, pensionierter Polizist und künftiger Koordinator der Glückstädter Landesunterkunft, will sich „der Sache stellen und den Kontakt zu den Behörden halten“. Sönke Krey war in Vertretung des Kasernenbesitzers Jens Lange gekommen. „Mein Büro ist die Zentrale für die Bautätigkeiten geworden. Wir richten die Gebäude mit einer schlagkräftigen Gruppe her.“ Gas und Wasser werden in zehn Tagen angeschlossen. „Wir sind in einem kleinen Ausnahmezustand, bewältigen ihn aber.“ Auch einen Spielplatz werde es geben: „Und wenn ich ihn persönlich einrichte.“

Die zahlreichen Fragen der Bürger nahm Pastor Stefan Egenberger entgegen. Er ging dafür mit dem Mikrofon durch die Stadtkirche. Gefragt wurde nach konkreten Dingen wie beispielsweise, ob die Zahl von 2000 Bewohnern nach oben offen sei. Bei den Antworten wurde deutlich, dass auch die Männer auf dem Podium nur den aktuellen Stand von heute berichten konnten. „Ob das in einem Jahr noch so gilt, weiß heute niemand“, sagte Döhring.

Egenberger richtete fast am Schluss der Veranstaltung auch selbst das Wort an die Behördenvertreter. Er sei in der Nachbarschaft der Kaserne von Tür zur Tür gegangen und habe mit den Menschen gesprochen. „Die, die mir geöffnet haben, haben alle gesagt: Ja, wir wollen, dass diesen Menschen geholfen wird und ihnen hier in dieser ehemaligen Kaserne geholfen wird.“ Es gäbe aber auch Ängste, dass schwierige Zustände zu Problemen führen könnten. „Bitte sorgt dafür, dass die Zustände gut sind. Lasst diese Stadt nicht alleine!“ Ulf Döhring kündigte daraufhin an, spätestens im Januar erneut zu einer Bürgerversammlung in die Stadt zu kommen.

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