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Gelungene Lesung : Lachtränen und begeisterter Applaus

vom
Aus der Redaktion der Wilsterschen Zeitung

Autorin Carla Berling beweist mit ihrer Lesung und Titelheldin Maria Jesse in Wilster ihre kabarettistische Ader.

„Jesses Maria“ ist nicht nur ein beliebter Schreckensausruf, sondern auch die Hauptfigur in Carla Berlings Trilogie „Kulturschock“, „Wechseljahre“ und „Hochzeitstag“. Deren schrullige Erlebnisse mit dem Ex, den Hitzewallungen oder dem Frauenarzt erlebten die Besucher im Spiegelsaal des Alten Rathauses hautnah mit. Die Autorin legte zwar Wert darauf, keine Ähnlichkeit mit ihrer Titelheldin zu haben, schlüpfte aber beim Lesen mit Gestik, Mimik und rheinisch-westfälischem Tonfall gekonnt in die Rolle der gebeutelten Verliererin.

So gehörte Maria Jesse von Kind an immer der falschen Seite an, wenn es um die wichtigen Entscheidungen des Lebens ging: Schwarzes oder blaues Turnzeug, Geha oder Pelikan, Levis oder Stoffhosen, Opel-Manta-Fahrer oder Ford-Capri, Kind oder Karriere, verheiratet oder geschieden, normal oder anders … Maria Jesse ist sowas von normal, dass es schon weh tut. Aber darüber kann man die besten Geschichten erzählen.

Auf welche Art sie dies tut, nämlich direkt, unverblümt und urkomisch, stellte Carla Berling schon vor der eigentlichen Lesung klar. Sie nahm die möglichen Gedanken der Zuhörer vorweg und beantwortete sie gleich in Folge: „Alter? Jahrgang 60. Ob sie wohl einen Mann hat? Hat sie, ist seit 1983 ununterbrochen verheiratet, aber nicht mit demselben. Gewicht? Größe 44, Tendenz steigend….“ – ein humoriger Auftakt für eine kabarettistische Lesung, die sich aus Berlings genauer Beobachtungsgabe, sprachlicher Zuspitzung und temperamentvoller szenischer Umsetzung speiste. So zogen sich Lachtränen und begeisterter Applaus durch den ganzen Abend, auch die Mundwinkel des Publikums blieben durchweg oben. Und Mundwinkel sind nach Maria Jesses Erkenntnis „d a s Indiz fürs Sexualleben“. Auch da steht sie als Geschiedene auf der falschen Seite. Und dann noch die Wechseljahre: Haarausfall, drei Kinne und schlaflose Nächte. Die „anderen“ dagegen sind sexy, schlank, ausgeschlafen und haben entspannte Mundwinkel.
Auch die Essgewohnheiten von Ex-Mann Manni tragen nicht zur Entspannung bei. Als „kulinarische Wildsau“ bevorzugt dieser Ketch-up sogar zu Hühnerfrikassee und zu Reibekuchen und isst Rosinenbrot mit Leberwurst. Ihm serviert die gute Maria dann eben auch den Milchreis mit der roten Soße.

Für Büchereileiterin Karin Labendowicz, die die Veranstaltung für den Verein „Leselust“ moderierte und selbst aus Bad Oeynhausen stammt, war die Lesung eine Hommage an die alte Heimat. Sie hatte die Bücher der Ost-Westfälin, die auch aus Bad Oeynhausen kommt und mittlerweile in Köln lebt, zufällig entdeckt und die Autorin erstmals in den hohen Norden gelockt. Die Besucher im dicht gefüllten Spiegelsaal hatten sich offenbar auf die Ankündigung verlassen, die vor allem Humor und Spaß versprach. Denn Carla Berling ist überregional noch wenig bekannt, dürfte aber im Kreis Steinburg bald auf etlichen Weihnachtstischen mit ihren Büchern vertreten sein, die sie zahlreich signierte.



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