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Ausstellung : Kunst mit maritimen Klebestreifen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Joachim Grommek präsentiert in Glückstadt im Palais für aktuelle Kunst seine neue Ausstellung „Ahoi!“. Der Wolfsburger Künstler zeigt Bilder mit farbigen zu formalen Mustern aufgeklebten Klebestreifen.

Selten erlebt man in einer Ausstellung so viele Besucher, die ihre Wange flach an die Wand drücken, um dem Geheimnis der Arbeiten vielleicht am Bildrand auf die Spur zu kommen.

Was sieht der Betrachter auf den ersten Blick von Joachim Grommeks Arbeiten? An der Wand Bilder mit farbigen zu formalen Mustern aufgeklebten Klebestreifen. Herumstehende Pressplatten. Scheinbar vergessene Aufbaumaterialien. Metallbildgründe mit abstrakten Motiven. Die heimlichen Gedanken: Das soll es sein? Ganz nett, vom Palais für aktuelle Kunst ist der Besucher einiges gewohnt, aber doch ein bisschen wenig Kunst, oder?

Dann die Einführungsrede, der Griff zum Infoblatt oder Hinweise durch die Aufsichten: Alles Illusion, visuelle Täuschung. Die erste Erkenntnis: Die herumstehenden Spanplatten sind gar keine, wenigstens nicht auf der Oberfläche. Beim Wange-an-die-Wand-Drücken erkennt man: „Trompe d’oeuil-Pressspan“, also aufgemalt.

Was versucht man zu ergründen? Zum Beispiel, welchen Sinn es macht, Pressspanoberflächen auf Pressspan zu malen. Und dann geht es weiter: Die Klebstoffstreifen sind auch keine. Auch sie sind akribisch aufgemalt. Die nächste Frage: Wie geht das überhaupt? Die erscheinen doch ganz räumlich. Dann kommt auch der Spaß beim Ergründen: Klebt man die Farbränder eigentlich mit Klebestreifen ab, um Klebestreifen zu malen? Die Lösung bleibt offen. Selbst Kuratorin Claire Maire Rose bekannte in ihrer Rede: „Ich wusste beim Atelierbesuch am Schluss auch nicht mehr, ob die Klebestreifen, die ich für den Malprozess zu identifizieren glaubte, wirklich welche waren.“

Somit weicht der erste zweifelnde Impuls schnell der staunenden Bewunderung. Klebebänder oder Pressholz so akribisch und perfekt zu imitieren ist ein enormer und auch kunstfertiger Aufwand, aber eben auch eine provozierende Idee. Und Joachim Grommeks These „Kunst muss Spaß machen“ erfährt mit seinen Arbeiten eine Ausweitung auch in die Grundfragen der Kunstwissenschaft.

Der gebürtige Wolfsburger (56), der in Braunschweig studierte, heute in Berlin lebt und jahrelang nur mit Ausstellungsbeteiligungen auftrat, wird derzeit mit Soloschauen republikweit entdeckt. Sein Spiel mit dem Illusionismus und den Betrachtererwartungen hat es in sich.

Und die Ankündigung des PAK, dass Joachim Grommek als Höhepunkt des diesjährigen Ausstellungsjahres das gesamte Kunsthaus „entere“, passt auch. „Geentert“ fühlt man sich in seiner Wahrnehmung durchaus, Seemannsgarn und illusionistische Malerei liegen nicht weit auseinander. Kuratorin Claire Marie Rose nahm die maritimen Anspielungen des Ausstellungstitels „Ahoi“ auch in ihrer Einführungsrede auf und mischte sie rhetorisch mit den erstaunten „Oha!“-Ausrufen, die sie den Betrachtern prophezeite, wenn sie sich mit Grommeks Irritationen auseinandersetzen: „Nur wenige haben so radikal nachgedacht, was Kunst ist.“

Viele zuvor eher beiläufige Blicke auf diverse unauffällige Objekte gingen beim zweiten Rundgang in ein kommunikatives Suchen und Erforschen über. Man steht trotz der erhellenden Information immer wieder vor einem Bild und murmelt dem Begleiter oder zufälligen Nachbarn zu : „Das sind nun aber echte Klebstoffstreifen!“, um sogleich weiterzufragen: „Oder hat er gar keine verwendet?“ Der Blick in die Bilderliste bestätigt es, außer Lack und Öl nichts zu finden. Und wer es nicht glaubt, schaue selbst. Aber nicht vergessen: Berühren verboten! Nicht wenige werden zu der schelmischen Erkenntnis eines Vernissagebesuchers gelangen: „So ganz glaub ich es doch nicht.“

Die Ausstellung „Ahoi“ im Glückstädter Palais für aktuelle Kunst, Am Hafen 46, läuft bis 17. November, Fr-So 13 bis 17 Uhr.

 

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erstellt am 15.Okt.2013 | 15:28 Uhr

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