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atelier im provianthaus : Kunst auf den zweiten Blick

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Südtiroler Künstler Arnold Dietl bezieht neues Atelier im Provianthaus in Glückstadt. Seine Kunst soll nicht nur gefallen, sondern auch anecken.

shz.de von
erstellt am 07.Jan.2014 | 05:30 Uhr

Seit 14 Jahren kennt der Südtiroler Arnold Gietl Hamburg und Umgebung, seit Sommer 2012 lebt er zusammen mit Petra Bergerhoff in Glückstadt. Jetzt bezog er im Provianthaus sein neues Atelier. Das Jahr 1999 brachte Arnold Gietl an einen wichtigen Punkt. Zum einen erlebte der damals 49-Jährige an der Internationalen Sommerakademie Salzburg als Dozenten die Künstlerbrüder Zhou aus China. Bei ihnen lernte er die Umsetzung eigener Ideen und erhielt Unterstützung bei unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten. „Die Zhou-Brüder haben mir das große Denken in der Kunst beigebracht. Von da weg hat sich der Horizont erweitert“, beschreibt er seine Erfahrungen.

Die Künstler rieten ihren Schüler von Eye-Catchern ab, die nur im ersten Moment faszinieren. „Man soll das Kunstwerk auch noch nach Monaten anschauen und etwas für sich darin finden.“ so Gietl. 1999 lernte er außerdem in Salzburg Petra Bergerhoff aus Hamburg kennen. Sie wurden ein Paar und begleiten sich seitdem in ihren künstlerischen Arbeiten. „Sie ist eine meiner schärfsten Kritiker“, sagt er und ergänzt, dass er dankbar für die offene Auseinandersetzung sei, die ihn stets weiterbringe.

Dann rüttelte ihn seine Midlife-Crisis auf. Kunst lief bis dahin nur in seiner Freizeit ab. Er hatte Grafik gesammelt, mehrere Kurse an Sommerakademien belegt, etliche Ausstellungen und Künstler erlebt. Doch schon als Kind hatte er davon geträumt, Holzschnitzer zu werden. So zog er 2008 einen mutigen Schlussstrich – nicht nur unter seine über 40-jährige Tätigkeit in seinem Brotberuf als Kühlanlagentechniker: „Ich wollte mir nicht mit 70 sagen: Ach, hätte ich, hätte ich...“, erklärt er seine Entscheidung. Glücklicherweise konnte er problemlos in Rente gehen und sich ohne finanzielle Probleme künstlerisch entwickeln.

Einen anderen Schlussstrich zog er unter die schönen, braven Aquarelle, die er über 15 Jahre an den Sommerakademien und in anderen Kursen unter Anleitung verschiedener Künstler gemalt hatte. Die Arbeiten in seinem neuen Atelier im Glückstädter Provianthaus zeugen von einer ehrlichen, unpathetischen Suche nach dem eigenen künstlerischen Ausdruck. Verschiedene Auslöser im aktuellen Alltag holen Geschichten oder Themen aus seiner Vergangenheit hervor. So tauchten beispielsweise vor einigen Jahren einzelne Köpfe mit leerem Blick in etwa 40 Leinwänden auf und verweisen als posttraumatisch gestörte Soldaten auf allgemein bekannte Probleme.

Sie zeugen aber auch von seiner eigenen Familienbiografie. Gietl stellt sich so seiner Vergangenheit, verschütteten Themen und verarbeitet sie, macht sie sichtbar. Dass dabei Kunst entsteht, die schwer verkaufbar ist, damit kann er leben: „Es ist aber kraftvollere Kunst, die der Betrachter auch ablehnen kann.“ 2009 verbrachte er zusammen mit Petra Bergerhoff einen zweiwöchigen Arbeitsaufenthalt bei Bauern in Franken. Aus einem großen Eichenklotz arbeitete Gietl dabei einen Kopf, der ihm aber zu glatt, zu ästhetisch erschien. Er nahm die Motorsäge und brach damit die schöne Oberfläche auf. So findet sich in seiner Kunst seine Faszination für Menschen wieder, die Mut haben, anzuecken, hinzuschauen und ehrlich zu sein.

Seit Sommer 2012 leben und arbeiten Petra Bergehoff und Arnold Gietl nun in Glückstadt und können auf ein gutes Netzwerk zwischen Süd und Nord zurückgreifen. Gibt es Ähnlichkeiten zwischen seiner Heimat bei den Bergbauern in den Alpen und seinem neuen Umfeld in Glückstadt? Er bejaht: „Beide Gruppen sind zuerst recht zurückhaltend, dann aber interessiert und hilfsbereit. Und geprägt von naher gewaltiger Natur und einer archaisch geprägten Sprache.“ Weitere berufliche Kontakte sind bereits geknüpft: Seit kurzem gehören sie zum Künstlerbund Steinburg und werden demnächst bei Schauen und Aktionen in Itzehoe mit zu sehen sein. Auch in Glückstadt hat Gietl Neues vor: „Ich füge gerne meine Arbeiten in ein bestehendes Umfeld. Das treibt mich an. Da bin ich ungeduldig und stark. Und die Ideen purzeln aus mir heraus.“

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