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Norddeutsche Rundschau

23. Oktober 2017 | 17:55 Uhr

Kulturmärz : Kulturdenkmal unter Segeln

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Joachim Kaiser berichtet über den interessanten Weg, die „Rigmor von Glückstadt“ in die Elbestadt zu holen

Dass der ehemalige, dänische Zollkreuzer Nr. 5. wieder in seinem Heimathafen liegt, ist Joachim Kaiser zu verdanken. 1853 wurde der Kutter mit geringem Tiefgang auf der Werft von Johann Paul Schröder in Glückstadt für das Dänische Zollwesen gebaut. Seit 2002 wird das Traditionsschiff für Hochzeiten oder ähnliche Anlässe vermietet. Tagesausflüge oder auch längere Touren mit dem stolzen Segelschiff können über die Touristik-Information Glückstadt gebucht werden. Über den Werdegang dieses außergewöhnlichen Schiffes sprach Joachim Kaiser jetzt im Kulturmärz vor Zuhörern in der Bücherstube.

Im Herbst 1864 wurden die dänischen Zollkreuzer beschlagnahmt und nach Wyk auf Föhr gebracht. Das neue, preußische Zollwesen wollte die Kutter nicht übernehmen. Das war die erste Information, die Kaiser, der Kapitän des Segelschiffes Undine, gesichtet hatte. Von sich selbst sagt er: „Der Ewer-Gaffelvirus steckt in mir.“ Die jahrelange Recherche, um den Zollkreuzer Nr. 5 zu finden, hat sich gelohnt. Auch wenn die Suche nach dem verschwunden Zollkreuzer sehr zeitintensiv war. Viele Zufälle führten Kaiser schließlich auf die richtige Spur.


Spurensuche


In dem kleinen Hafen von Hesnaes in Dänemark ging Kaiser im Sommer 1970 seiner speziellen Leidenschaft nach: alte Schiffe zu fotografieren. Er war angetan von der Anmut des Kutters. Die schönen Linien und das eleganten Heck verrieten Kaiser, dass der Kutter ursprünglich als Segler gebaut worden sein musste. Er ahnte nicht, wie nah er dem Geheimnis auf der Spur war. Wie elektrisiert knipste er einen ganzen Film voll. Das Schiff hieß Rigmor. Es wurde in Hesnaes als Steinfischerfahrzeug eingesetzt, das schwere Findlinge aus der Ostsee fischte.

Und wieder spielte der Zufall mit: Kaisers Leidenschaft, alte Schiffe zu fotografieren, war in Seglerkreisen bekannt. Jahre später teilte ihm ein Segelfreund mit, dass er mit einem Skipper, der längsseits gelegen hatte, ins Gespräch gekommen sei: Die Rigmor solle ein „Dänischer Zollkreuzer“ von der Elbe gewesen sein. In den Schiffspapieren fand sich der Hinweis „Hvor og nar bygger“ (wo und wann gebaut). Und außerdem die Eintragung: „Tyskland i 1853“ (in Deutschland 1853). Diese Information brachte den Stein ins Rollen. Jedem Hinweis wurde nachgegangen, um sicher zu sein, dass die Rigmor wirklich der gesuchte Segler war. Es gab nur noch eine Handvoll hölzerner Rümpfe norddeutscher Herkunft, die vor 1900 gebaut worden waren.

Die Rigmor, ein ungewöhnlicher Segler mit einer ebenso ungewöhnlichen Vergangenheit. Zwölf Vorbesitzer wurden ausfindig gemacht, die überwiegen in Dänemark lebten. Ein schwieriges Unterfangen war es dann, die Historie der Rigmor zu rekonstruieren. Denn der akutelle Eigner, Egon Olesen, sprach nur dänisch. Joachim Kaiser, der leidenschaftliche Segler und Hobby-Historiker, ließ sich nicht entmutigen. Er suchte weiter. Er fand eine Tochter des Vorbesitzers von Olesens Schiff, die alte Fotos besaß. Durch sie ließ sich Rigmors Geschichte bis zum Jahre 1920 zurückverfolgen.

Über die Werft von Schröder in Glückstadt, die die Rigmor gebaut hatte, wurden zunächst keine Unterlagen gefunden. Erst das Studium älterer Literatur über Segelschiffe brachte etwas Licht in die Recherche. Später stieß Kaiser auf eine Sammlung, die Zollbeamte für ein Museumsprojekt zusammengetragen hatte. Der Segler Paula hatte Ähnlichkeit mit alten Fotos der Rigmor. Aber es auch diese Spur war wieder eine Sackgasse.

Die Jahre gingen ins Land. Zwölf Jahre nachdem Kaiser das Schiff in Hesnaes fotografiert hatte, teilte ihm der Eigner Olesen 1982 mit, dass er sich zur Ruhe setzen wolle. Die Rigmor wurde Kaiser für 350 000 dänische Kronen zum Kauf angeboten. Olesen hatte viel investiert in den vergangenen Jahren, deshalb der hohe Preis. Zu dem Zeitpunkt war aber nicht sicher, ob die Rigmor wirklich der „Königliche Zollkreuzer“ von Glückstadt war. Gerüchte sagten, das im Kopenhagener Archiv eventuell Unterlagen zu finden wären. Daraufhin sind der Glückstädter Bootsbauer Günter Klingbeil und Joachim Kaiser mit dem Motorrad nach in die dänische Hauptstadt gefahren. Die Recherche im Kopenhagener Archiv löste aber nur einen Teil des Rätsels. Ein dänischer Freizeitskipper kaufte schließlich die Rigmor. Drei Jahre später bot dieser Besitzer die Rigmor, die sich in einem schlechten Zustand befand, Kaiser für 70 000 Kronen zum Kauf an.

Der Kapitän zur See hatte 1985 weder Zeit noch Geld, die Rigmor zu erwerben. Er schickte sämtliche Unterlagen und Fotos an das Glückstädter Rathaus mit Bitte, diese Rarität wieder nach Glückstadt zu holen. Begründung: Der königliche dänische Zollkreuzer müsse zurück in die ehemalige Residenzstadt Glückstadt. Glückstadt ist dänischen Ursprungs, gegründet 1617 vom Dänenkönig Christin IV. Der Brief blieb unbeantwortet.


Förderverein


Erst der damals neue Bürgermeister Dr. Michael Morath brachte Wind in die Segel. Er ließ sich von Joachim Kaiser, der jetzt an Land bleiben wollte vom „Ewer-Gaffel-Virus“ anstecken. Im August 1992 fuhren Kaiser und Günter Klingbeil nach Gilleleje an der Nordküste von Seeland. Es war ein trauriger Anblick, dieses ehemals funktionstüchtige Schiff anzuschauen. Halb im Wasser liegen, dem Verfall preisgegeben, verrottete es langsam vor sich hin.

Kaiser macht dem Verkäufer einen Vorschlag: Für 150 000 Kronen würde er es kaufen, wenn es fahr- und seetüchtig gemacht wird. Und das Schiff sollte nach Kiel-Holtenau überführt werden. Viele Glückstädter hatte er mit dem „Virus“ angesteckt, um seinem Traum umzusetzen. Pünktlich zum vereinbarten Termin warteten eine bunt zusammengewürfelte Mannschaft an der Mole von Holtenau. Am Sonntag, 11. Oktober 1992, war es endlich soweit. In Kiel startete die über alle Toppen geflaggte Rigmor. Sie machte schließlich an der ehemaligen Schröders Werft in Glückstadt fest.

Dieser Augenblick wurde enthusiastisch und gebührend gefeiert. Einige Hundert Schaulustige begrüßten die Rigmor. Funk, Presse und Fernsehen hielten diesen historischen Moment in Bild und Ton fest. Musikalisch begleitet wurde das Ereignis vom Glückstädter Spielmannszug. Es wurde ein rauschender Empfang.

Die Glückstädter Stadtverwaltung lehnte aber weitere finanzielle Hilfen ab. Deshalb wurde ein Förderverein gegründet. Dieser hat heute über 120 Mitglieder. „Viel Spinnerei ins Blaue“, so Kaiser, „gehöre dazu, ein Ziel zu erreichen.“ Außerdem die Liebe zur See, Geduld und viel Geld. Ohne die vielen fleißigen, ehrenamtlichen Helfer, wie Jan Wallraf oder Günter Klingbeil wäre das Projekt zum Scheitern verurteilt gewesen. Die Rigmor solle eine würdevolle Aufgabe bekommen – das war Sinn und Zweck des Projektes.

Ohne das Kapital von Privatleuten und ohne das Verständnis der Bank, einen Kredit zu genehmigen, der keine Sicherheit aufzuweisen hatte, wäre es ein Traum geblieben. Auch die Krupp-Stiftung aus Essen hat dazu beigetragen Kaisers Traum zu realisieren Aber erst eine Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme vom Arbeitsamt Elmshorn hat das Kunstwerk schließlich zustande gebracht, die Rigmor see- und wassertauglich zu machen. Über zwanzig Männer aus der AB-Maßnahme beteiligten sich an der Fertigstellung der Rigmor. Endlich, nach zweijähriger Restauration, nahm die Rigmor im Jahr 2002 ihre „neue Arbeit“ auf.

Heute ist die Rigmor „ein ausgezeichnetes Schiff“, das neben der Passat, Alexandra und ein paar anderen Wasserfahrzeugen im Denkmalbuch des Landes Schleswig-Holstein als Technisches Kulturdenkmal eingetragen ist.

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