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Norddeutsche Rundschau

20. September 2017 | 18:27 Uhr

Kult-Komödie mit eigenen Akzenten

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Stehende Ovationen erhielt Oliver Trautweins Inszenierung von „Harold und Maude“ im mittelprächtig besetzten kleinen Saal des Theaters. Und das zu Recht: Nach eher schleppendem Beginn fand Colin Higgins’ Stück seinen eigenen kurzweiligen Rhythmus. Zudem hatte es sich von der Allgegenwart des Kultfilms aus den 70-er Jahren emanzipiert, indem es eigene Akzente setzte. Statt der eingängigen Cat-Stevens-Ohrwürmer begleiteten nun Simon and Garfunkel, Lou Reed und Supertramp die schrille Story um die gegenseitige Liebe zweier gesellschaftlicher Außenseiter. Harold, 19 Jahre jung mit exzentrischen Neigungen, die regelmäßig in inszenierten Scheinselbstmorden gipfeln, liebt Maude, 79 Jahre jung, ein ewiges Hippie-Mädchen im Gestus und Habitus einer Grand Dame, die ihre Lebensweisheiten in eigenwilliger Auslegung des Gesetzes radikal praktiziert.

Immer in Gefahr, das Filmvorbild zu kopieren, finden die beiden Schauspieler dieses ungleichen Pärchens, Philipp Baumgarten und Kerstin Klinder, einen eigenen Weg, ihre Liebe zu präsentieren. Gerade in den heiklen Kuss-Szenen erzeugen die beiden, fern von jeder Peinlichkeit, Momente voll echter Zuwendung, Nähe und Intimität.

Das Bizarre der Story platziert die Inszenierung in den Nebenfiguren. Harolds omnipräsente Mutter setzt einen gelungenen Kontrast zur Filmbesetzung. Henry Klinder gibt dieses Mannsweib als eine herrliche Karikatur eines überbordenden Erziehungs- und Überwachungswahns. Sie mordet durch Liebe. Noch schriller und in ihrer Komik allein schon den ganzen Abend wert: Karoline Stegemann in ihren drei Rollen als Heiratskandidatin.

Besonders schön: Es gab viele Augenblicke, in denen es mucksmäuschenstill war, bevor die Inszenierung durch einen Gag, einen Tempowechsel oder ein kleines Musikanspiel die Spannung wieder aufbrach.

Fazit: Die Erinnerung an den Kultfilm kann man nicht aus dem kulturellen Gedächtnis tilgen. Oliver Trautweins Inszenierung setzt die Ästhetik des Theaters dagegen und findet eigene Akzente in dieser Komödie voll nachdenklich stimmenden Amüsements.



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