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Krimi Nordica : Kuddel und die Frage nach der Schuld

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Zweiter Teil der Reihe „Kuddel ist tot“ im Rahmen der KrimiNordica: Experten aus der Praxis zeigen den Verlauf eines Kriminalfalls.

War er’s oder war er’s nicht? Das weiß nicht einmal der Tatverdächtige Dennis Krähkel selbst. Geschubst und getreten hat er Kuddel Beethoven, weil er genervt war von der Dudelei aus dessen Kassettenrekorder. Aber hat er ihn später auch erwürgt? Die Indizien sprechen gegen den 23-Jährigen. Die Tatwaffe, ein Schal, wurde bei Dennis gefunden. Nach dem ersten Angriff auf Kuddel habe er zuhause dauernd an die Tat denken müssen, erzählt Dennis, der nun in Untersuchungshaft sitzt, Strafverteidiger Jürgen Osbahr. Bier und Wodka habe er getrunken, um nicht mehr zu grübeln. Was dann passiert sei, wisse er nicht.

„Die Lage sieht nicht sehr gut aus für Sie“, stellt Osbahr fest. Es sei zu befürchten, dass die Anklage auf Mord laute. „Dafür gibt es nur eine Strafe: lebenslänglich, ohne Wenn und Aber.“ Mit Glück werde die Tat als Totschlag gewertet, dann seien es im günstigsten Fall fünf Jahre Haft, bei Körperverletzung mit Todesfolge komme er ab drei Jahren davon. „Es geht um Ihren Kopf!“ Es gebe aber einen Notausgang: ein psychiatrisches Gutachten.

Das sei gerade wegen der Aussage von Dennis’ Mutter sinnvoll. Die hatte erzählt, dass er ein liebes Kind war, bis sein Vater arbeitslos wurde und nur noch trank, ausrastete, die Mutter prügelte. Als Elfjähriger habe Dennis mit ansehen müssen, wie die Wohnung samt Vater in Flammen aufging, der zuvor Domestos getrunken hatte. „Er ist auf sehr grausame Weise gestorben.“ Von dem Tag an sei Dennis ein anderer gewesen, aggressiv, oft alkoholisiert, begeistert von Ballerspielen.

Professor Dr. Arno Deister kommt ins Spiel, ein Psychiater. Das seien Ärzte, die sich mit allem beschäftigten, „was schief gehen kann im Kopf eines Menschen“. Es gehe um die Schuldfähigkeit. „Ich soll dem Gericht sagen, was Sie für ein Mensch sind.“ Deister stellt Fragen, hakt nach. „Es ist extrem wichtig zu wissen, was in Ihrem Kopf los war.“ Und Dennis erzählt – davon, dass abends im Bett Bilder des Vaters auftauchen, und von den Computerspielen: „Man nimmt sich eine Waffe und versucht, seine Mission zu erfüllen. Natürlich muss man dabei Leute abknallen.“

Der Gutachter müsse neutral sein, sagt Deister. „Das heißt nicht, dass er gefühllos ist.“ Das forensisch-psychiatrische Gutachten sei eine „Untersuchung mit den Mitteln des Gesprächs“. Bei den Allermeisten werde nichts gefunden, was die Schuldfähigkeit mindere. Bei Dennis erkennt Deister zwei Anhaltspunkte, die „grundsätzlich geeignet sind, die Steuerungsfähigkeit einzuschränken“: der Alkohol und eine Störung der Persönlichkeitsentwicklung, verursacht durch die Traumatisierung in der Kindheit. „Es geht darum, ihm gerecht zu werden“, sagt Deister. „Kuddel ist tot – das ist die eine Seite. Die andere ist, dass auch dieser Mensch sein Erleben hat, das muss das Gericht zusammenbringen, ich helfe dabei.“

Dafür, dass es überhaupt zur Gerichtsverhandlung kommt, sorgt Staatsanwalt Kjell Gasa. Die Staatsanwaltschaft sei „die objektivste Behörde der Welt. Wir müssen Belastendes genauso berücksichtigen wie Entlastendes“. Es müsse ein hinreichender Tatverdacht bestehen. Und es müsse entschieden werden, welche Straftat es war. Wesentlich dabei: War es Vorsatz? Das sei schwierig, weil den kaum jemand zugebe. Und wenn es Vorsatz war – war es Mord oder Totschlag? Nur sehr selten komme es zur Anklage wegen Mordes. Doch beim Fall Kuddel sieht Gasa zwei Voraussetzungen: Es komme Heimtücke in Betracht, das Opfer sei „arg- und wehrlos“ gewesen. Und die Tat geschah, um eine andere Straftat zu verdecken: Dennis wollte sein Opfer mundtot machen. „Wir müssen zum gegenwärtigen Stand davon ausgehen, weil wir keine anderen Erklärungen haben.“ Gasa formuliert die Anklage und beantragt die Eröffnung des Hauptverfahrens beim Landgericht. Damit geht es heute weiter. Dennis bleibt so lange in Haft: „Der Fluchtanreiz bei Mord ist riesig.“

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erstellt am 31.Okt.2013 | 05:00 Uhr

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