Tradition : Krempe schwelgt in grün und gelb

Abschließender Höhepunkt bei den Fahnenschwenkern: die Mühle.
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Abschließender Höhepunkt bei den Fahnenschwenkern: die Mühle.

Mit dem Königsfrühstück trat der „Stadtrandbauer“ von der Bühne ab. Gilde feiert mit Fahnenschwenken, Eiermännern und freier Liebe.

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01. Juli 2014, 12:00 Uhr

Fußballeuphorie in Schwarz-Rot-Gold ? Nicht in Krempe. Hier herrschten gestern grün und gelb vor – die Farben der inzwischen 473 Jahre alten Stadtgilde. Mit dem Königsempfang im Rathaus und der späteren Entthronisierung von Jens Engelbrecht – dem Stadtrandbauer – sowie dem abendlichen Fahnenschwenken vor dem neuen König erlebten die Kremper wieder ihren alljährlichen Veranstaltungshöhepunkt.

Ältermann Wolfgang Dörner warnte die im Morgengrauen im historischen Rathaus versammelten Ehrengäste: „Nehmen Sie hier nicht alles auf die Goldwaage. Hier passieren schräge Dinge.“ Für Kreispräsident Peter Labendowicz sind Feste wie die Kremper Stadtgilde ein sichtbares Zeichen für im Kreisgebiet gelebtes Brauchtum. Bei der Anrede der Majestäten ging dann allerdings einiges durcheinander. Labendowicz sprach von „Excellenzen und Prominenzen“, der CDU-Landtagsabgeordnete Hans-Jörn Arp hatte in der Runde hingegen „Eminenzen, Kompetenzen und Impotenzen“ ausgemacht. König Jens nahm die Begriffswirrung wort- und reglos zur Kenntnis. „Er genießt und schweigt“, umschrieb Ältermann Dörner das traditionelle Prozedere.

Anerkennend hob die Gildeführung dann hervor, dass Peter Labendowicz als Kreispräsident nahtlos in die Fußstapfen seines Vorgängers „Fiete“ Tiemann getreten sei. Der Ehrengast erinnerte aber daran, dass er in den 90er Jahren – damals noch als Wilsteraner Bürgermeister – schon einmal Gast der Kremper gewesen sei. Damals habe man ihm das traditionelle Frühstücksgebäck – den Eiermann – randvoll mit scharfem Senf gefüllt serviert. Für Labendowicz offenbar ein unvergessliches Erlebnis: „Ich habe unter Qualen alles aufgegessen.“ Vorsorglich entschuldigte er sich mit dem Hinweis auf die abendliche Kreistagssitzung, dass er nur an einer der drei geplanten Einkehren teilnehmen könne.

Hans-Jörn Arp outete sich als Mitglied von gleich zwei Gilden. Auch er bedauerte, frühzeitig wieder abfahren zu müssen: „Leider bin ich in der Zeit der freien Liebe nicht mehr da“, meinte er mit Blick auf die wenigen Damen in der Runde. Ansonsten stellte der Politiker fest, dass „die Mitgliedschaft in zwei Gilden das höchste ist, was man im Leben erreichen kann“.

Bürgermeister aus den Umlandgemeinden und dem Patenort St. Martin, Vertreter der Gilden Wilster, Oelixdorf und Süderau sowie die Riege der Ehrenmitglieder mit dem hochbetagten Werner Hell an der Spitze und erstmals auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Mark Helfrich gaben sich die Ehre – und marschierten in der Kolonne brav mit auf den Marktplatz. Dort hatten sich mittlerweile schon hunderte von Krempern versammelt, um dem traditionellen Fahrenschwenken beizuwohnen. Erstmals bereichterte das Schauspiel eine zweiköpfige Abordnung des Stuttgarter Spielkreises, die ihre Fahnen mit schwäbischer Genauigkeit und bemerkenswerter Beinarbeit ins Rotieren brachte.

Höhepunkt auch in diesem Jahr der Zitronenwurf: Heerscharen von Kindern machten sich wieder auf die Jagd nach den von den Fahnenschwenkern während des Fahnenwurfs mit einem Säbel zerteilten Südfrüchte. Weil es mit der Treffsicherheit nicht immer so gut bestellt ist, hatte Zitronenlieferent Ralf Krause vorsorglich eine Extraportion halber Zitronen mitgebracht, die als Trophäen in die Menge geworfen wurden.

Anschließend zelebrierte die Gilde die dreifache Einkehr – erst bei Bürgermeister Volker Haack, dann noch einmal im Rathaus und schließlich im Haus der Krempermarsch.Den ganzen Tag über stand dann wohl im Mittelpunkt, was Ältermann Wolfgang Dörner schon am Morgen im Rathaus festgestellt hatte: „Es gibt außer Politik auch sonst noch viel Spaßiges.“

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