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56-Jährige aus Itzehoe : Krebspatientin: Sterbehilfe? Ja, bitte!

vom

Diagnose: Krebs. Unheilbar. Telse Lau hat schon oft an Selbstmord gedacht. Nun hofft die Frau aus Itzehoe, dass der Bundestag schnell ein neues Gesetz zur Sterbehilfe beschließt.

Itzehoe | Der Zug. Wie oft sie an den Gleisen gestanden und überlegt hat, ob sie vor eine Lok springen soll, weiß Telse Lau nicht mehr. Die 56-Jährige sitzt in ihrer Küche in Itzehoe (Kreis Steinburg) und lacht darüber. Sie lacht, wenn sie über ihren Selbstmord spricht. Dabei ist das Thema im wahrsten Sinne des Wortes todernst.

Telse Lau will über Sterbehilfe sprechen. Seit Monaten debattiert die Republik über das Thema, das im kommenden Monat im Bundestag behandelt werden soll. Eine Gruppe von Parlamentariern plädiert dafür, Sterbehilfeorganisationen zu verbieten, ärztlich assistierten Selbstmord aber zu erlauben. „Ich kann nicht verstehen, warum man das nicht schon längst erlaubt hat“, sagt Telse Lau. Denn sie will Sterbehilfe in Anspruch nehmen. „Ich finde den Satz gut: Mein Ende gehört mir.“ Zunächst kann man es kaum glauben, dass die schlanke Frau, die so fröhlich an ihrem Küchentisch sitzt, über ihre Krankheit redet. Doch dann sagt sie: „Ich bin unheilbar an Krebs erkrankt“. Und: „Ich habe genug.“

Der Krebs begleitet Telse Lau bereits seit über 18 Jahren. Damals erkrankt sie das erste Mal an Brustkrebs. Da ist sie 38 Jahre alt und der Krebs bekommt von den Ärzten die volle Breitseite: Bestrahlung, Operation, Chemotherapie. „Ich habe zeitweilig gedacht, das überlebe ich nicht.“

In den folgenden Jahren lässt sie der Krebs nicht los. „Ich hatte ständig irgendwelche Krankheiten, und vor den Kontrolluntersuchungen hatte ich natürlich immer wieder Angst“, sagt Telse Lau. Das hält auch an, als ihr ein Arzt fünf Jahre nach der Operation sagt: „Sie sind geheilt.“ Die Ungewissheit wird sie nicht los. In dieser Zeit wünscht sie sich, dass sie mit einer Sterbehilfeorganisation sprechen kann. „Ich hätte mich nicht umgebracht, aber ich hätte mich gern informiert.“ Eine Option zu kennen, gebe Kraft, um weiter zu leben. Das gelte sicher auch für andere Menschen. „Nur wer wirklich am Ende ist, wird Sterbehilfe in Anspruch nehmen, es wird ja keiner dazu gezwungen.“ Ärzte seien in der Lage zu beurteilen, wann sie einem Menschen dabei helfen, aus dem Leben zu gehen.

Dieser Wunsch wird für Telse Lau akut, als 2008 der Krebs zurück kommt. „Eine neue Chemotherapie wollte ich nicht, ich wusste ja, wie mir das Gift zusetzen würde“, sagt Telse Lau. Die Ärzte amputieren ihr eine Brust, bauen sie wieder auf. Und wieder denkt Telse Lau darüber nach, ob der Tod für sie besser ist als das Leben. „Ich hatte mal eine Flasche Whisky und Tabletten neben meinem Bett stehen und habe gedacht: Wenn Du nicht mehr kannst, dann nimmst Du das.“ Mit Freundinnen redet sie darüber, ob man sich erhängen sollte, ein Freund ihres Vaters, der ebenfalls an Krebs erkrankt ist, erschießt sich. Telse Lau kennt viele Menschen, die Krebs haben, die meisten davon sind jetzt tot. „Viele  wollten sterben und konnten nicht. Viele haben sehr gelitten. Ich möchte es mir ersparen, wehr- und hilflos in einem Krankenhaus an Schläuchen zu hängen.“ Eine Patientenverfügung hat sie. „Aber das reicht nicht. Wenn es zu Ende geht und mein Leben nicht mehr lebenswert ist, möchte ich, dass mir ein Arzt hilft zu sterben.“ Und das umso mehr seit dem Mai 2013.

Denn seit dieser Zeit weiß Telse Lau, dass sie den Kampf gegen den Krebs nicht gewinnen wird. Bei einer neuen Untersuchung wird der Krebs in Lymphknoten entdeckt. „Ich bin sicher, dass er noch weiter gestreut hat. Das spüre ich.“ Im Moment geht es ihr noch gut, sie nimmt Schmerztropfen. „Ich weiß nicht, wie lange es noch geht. Ich werde schwächer.“

Doch Telse Lau ist nicht nur lebensmüde, sie ist auch lebensfroh. „Wenn es mir gut geht, gehe ich mit meinem Lebensgefährten tanzen. Ich lebe für die schönen Momente.“ Nicht jeder aus ihrem Umfeld könne verstehen, dass sie sich für die Legalisierung der Sterbehilfe ausspricht, aber Familie und Freunde halten zu ihr. „Ich hoffe selbst, dass ich keine Sterbehilfe brauche, weil ich einfach einschlafe – aber das weiß ich ja nicht.“

Und so redet sie mit Freundinnen weiter übers Erhängen oder darüber, sich vor einen Zug zu werfen. „Doch das kann ich dem Zugführer nicht zumuten“, sagt Telse Lau. „Der Zug – der wäre wirklich nur in der größten Verzweiflung möglich.“

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erstellt am 28.Okt.2014 | 17:54 Uhr

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