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Norddeutsche Rundschau

22. Oktober 2017 | 16:07 Uhr

Gesundheit : Krebs – und trotzdem schön

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Kosmetikseminar gibt Patientinnen ein Stück Normalität zurück

von
erstellt am 25.Aug.2015 | 12:00 Uhr

„Gehen meine Haare aus?“ Das war die erste Frage, die Ann-Kathrin Tödter ihrem Arzt nach der Krebsdiagnose stellte. Ein halbes Jahr später sitzt sie im dritten Obergeschoss des Klinikums Itzehoe, Onkologische Tagesklinik. In dem Raum an der Garderobe hängen keine Jacken, sondern Perücken, der Kopf der 32-Jährigen ist mittlerweile kahl. Auch wenn die Haare weg sind, ihre Lebensfreude hat sie nicht verloren – und das möchte sie auch zeigen: „Ich habe Krebs, aber ich fühle mich deshalb nicht permanent krank“, sagt sie. Es gebe schlechte Phasen – kurz nach der Chemotherapie, aber eben auch gute Phasen. „Dann möchte ich auch nicht krank aussehen.“ Zusammen mit neun anderen Frauen hat sie sich deshalb dazu entschieden, an dem Kosmetikseminar „Look good feel better“ teilzunehmen – eine Aktion von der Dkms Life, einer Tochter der Deutsche Knochenmarkspenderdatei, bei der Frauen lernen, die Folgen der Krankheit zu kaschieren.

In dem Seminar werde individuell auf jede Frau eingegangen, erklärt Ingrid Pape, Pflegeexpertin für Brustkrebserkrankte am Klinikum. Sie gab vor fünf Jahren den Anstoß, das Kosmetikseminar nach Itzehoe zu holen. „Das Seminar ist nicht nur für junge Frauen, sondern für alle Krebspatientinnen egal wie alt oder in welchem Stadium.“ Vier Mal im Jahr findet das Seminar am Klinikum Itzehoe statt.

Ann-Kathrin Tödter bemerkte einige Monate nach der Geburt ihres zweiten Kindes einen Knoten in der Brust. „Ich dachte, dass es eine Milchdrüse ist.“ Am Freitag, den 13. wusste die Erzieherin: Es ist Krebs. Eine Woche vorher hatte Monika Stenzel (44) aus Hennstedt die gleiche Diagnose erhalten. „Ich dachte, sowas passiert doch immer nur den anderen, mir doch nicht“, erinnert sich die Steuerfachangestellte. Von nun an ist der Kalender der beiden Frauen randvoll mit Arztterminen. Die beiden Frauen treffen zwischen Chemotherapie, Untersuchungen und OP immer wieder aufeinander, werden Freundinnen – ein Trost, in der schweren Zeit. „Ich saß heulend zuhause und habe alle Termine eingetragen.“

Doch Krebs bedeutet für Ann-Kathrin Tödter und Monika Stenzel nicht nur Therapie, sondern auch weiter Spaß haben. „Man muss das alles mit Humor nehmen, nützt ja nichts“, so Ann-Kathrin Tödter. Monika Stenzel ergänzt: „Die Haare zu verlieren, hat auch Vorteile. Kein Haarewaschen, keine Beinhaare: Duschen dauert nur noch zwei Minuten.“

Krebs stellt das ganze Leben auf den Kopf. Das Seminar gibt ihnen ein Stück Normalität zurück. Wie Krebspatientinnen mit ein paar Handgriffen ihre Haut pflegen und ein Make up auflegen, das die Spuren der Therapie versteckt, zeigt Kosmetikerin Helga Micklich. Sie kommt extra aus Berlin angereist und gibt den Patientinnen ehrenamtlich Tipps. Dass ihr die Sache am Herzen liegt, merkt man an der Fröhlichkeit und der großen Portion Humor, mit der sie die Frauen berät. Als sie sich bei der Make up-Demonstration versehentlich die aufgemalte Augenbraue wegwischt, ist das Gelächter groß. Die Stimmung in dem Kosmetikseminar ist ausgelassen.

Im Seminar lernen sie Flecken zu kaschieren, Rouge aufzutragen, fehlende Augenbrauen nachzumalen und jede Menge Varianten, wie die Frauen mit Tuch und Hut den nackten Kopf verstecken können. Dafür bekommen sie eine Tasche randvoll mit Make up und Pflegeprodukten geschenkt.

Dass alle eine lebensbedrohliche Krankheit haben, ist nicht zu merken. Nur die kahlen Köpfe verraten es. Dass man ihnen die Krankheit ansieht, ist für die Patientinnen selbst weniger ein Problem. Den Krebs wegschminken, das machen die Betroffenen eher für die Umwelt als für sich, wie Ann-Katrin Tödter sagt: „Wenn es an der Tür klingelt und der Postbote mich ohne Perücke sieht, herrscht betretenes Schweigen. Ich möchte dieses Gesicht nicht sehen.“ Lieber sollen die Leute sich direkt ansprechen, weshalb sie keine Haare hat, statt sie anzustarren. „In der Krabbelgruppe hat mir mein Kind das Tuch vom Kopf gerissen. Alle starrten mich an. Ich habe einfach gesagt: ,Nun wisst ihr es‘ und dann war gut.“ Normalität in der Ausnahmesituation ihres Lebens ist das, was sie sich wünschen. Optisch greift ihnen das Kosmetikseminar dabei unter die Arme, aber auch von ihren Mitmenschen wünschen sie sich behandelt zu werden wie jeder andere auch. Monika Stenzel: „Als ich wenige Tage nach der Brustoperation auf dem Kinderfest meines Sohnes aufkreuzte, haben mich viele verwundert angesprochen, warum ich nicht zuhause bin. Wieso sollte ich? Mir ging es gut. Und mein Sohn ist sogar König geworden.“

>Nächster Termin: Montag, 31. August. Das Seminar ist kostenlos, die Teilnehmerzahl auf zehn begrenzt. Anmeldung im Klinikum, Onkologische Tagesklinik, Ingrid Pape: 04821/7722750.

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