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Norddeutsche Rundschau

18. Oktober 2017 | 09:45 Uhr

Kreative Antwort auf die Schifffahrts-Krise

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

von
erstellt am 26.Apr.2015 | 16:19 Uhr

Zunächst war es nur eine Idee: Vor rund anderthalb Jahren fragte Helmut Ponath, Chef der Reederei „Niederelbe Schiffahrtsgesellschaft Buxtehude“ (NSB), seinen technischen Geschäftsführer Lutz Müller (Foto), ob es möglich sei, bestehende Containerschiffe aus der Flotte der NSB zu verbreitern. Der Schiffbauingenieur aus Glückstadt hielt es für möglich und machte sich mit seinem Team an die Planungen. Vor wenigen Tagen verließ nun der erste verbreiterte Container-Riese das Dock auf einer Werft in Shanghai. Weitere Schiffe sollen folgen.

„Ich bin froh, dass wir dieses Projekt umsetzen können“, sagt Müller. Denn die Alternative wäre der Verkauf, der nicht einmal zehn Jahre alten „MSC Geneva“ gewesen – mit sehr wahrscheinlich großen Verlusten für die Anleger. Das 275 Meter lange Frachtschiff, das von der NSB langfristig an die schweizer Großreederei MSC verchartert ist, war, wie auch einige Schwesterschiffe, nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben.

Hintergrund ist die seit 2009 andauernde Krise in der Frachtschifffahrt. Die Charterraten der Schiffe reichten gerade noch aus, um die laufenden Kosten zu decken. Das Problem: Die relativ neuen Schiffe, die über geschlossene Schiffsfonds finanziert sind, waren noch nicht abbezahlt. Für den Kapitaldienst blieb aber kein Geld übrig. Es drohten Insolvenzen und Versteigerungen, wie sie bei zahlreichen Schiffen bereits vorkamen.

„Die Schiffe gehören zur sogenannten „Panmax-Klasse“, erklärt Müller. „Sie sind mit 32 Metern relativ schmal gebaut, damit sie durch den Panama-Kanal fahren können. Gleichzeitig sind sie für hohe Geschwindigkeiten bis zu 25 Knoten ausgelegt.“ Die Kombination aus beidem wurde lange Zeit als sinnvoll angesehen. Mit dem steigenden Ölpreis in den 2000er-Jahren und den sinkenden Charterraten nach Einbruch der Wirtschaft 2009 waren die Schiffe aber nicht mehr effizient. Zudem verlor der Panama-Kanal zunehmend an Bedeutung, weil sich große Teile des Welthandels in Richtung Asien verlagerten.

Viele Reedereien reagierten mit größeren und vor allem breiteren Neubauten auf diese Entwicklung – so auch die NSB. Doch was passiert mit der bestehenden Flotte? Die NSB wählte einen kreativen Weg: „Wir haben ein weltweit einmaliges Verfahren entwickelt, um die Schiffe zu verbreitern.“ Vereinfacht gesagt wird der Rumpf der Länge nach aufgeschnitten und dann in der Mitte neue Stahlteile eingefügt (siehe Grafik). „Technisch gesehen ist das gar nicht so schwierig“, sagt Müller. Die Teile des Schiffes, die auf See die größten Belastungen aushalten müssen, werden gar nicht verändert. Das wäre bei einer Verlängerung ein Problem gewesen.

Nach knapp einem Jahr Entwicklungsarbeit wurde die Theorie dann in Shanghai bei der chinesischen Werft HDRR in die Praxis umgesetzt. Der Zuwachs an Frachtraum ist enorm: Bei der MSC Geneva steigt die Zahl der Containerplätze bei einer Verbreiterung von 32 auf knapp 40 Meter um über 1400 Standardcontainer (TEU).

Nach der MSC Geneva plant die NSB zwei weitere Schiffe der gleichen Klasse umzubauen. Die Buxtehuder Reederei will das sogenannte „Widening-Verfahren“ zukünftig auch als Dienstleister für andere Schiffseigentümer anbieten. Für Lutz Müller ist das Mammutprojekt der Abschluss einer langen Karriere als Schiffbau-Ingenieur. Zum Jahreswechsel ging der 65-jährige Glückstädter als technischer Geschäftsführer der NSB in den Ruhestand. Das Widening-Verfahren betreut er aber vorerst weiter als technischer Berater. „Es ist ein schöner Abschluss ein eigenes Konzept umgesetzt zu sehen – besonders wenn es eines ist, das nicht gerade alltäglich ist.“

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