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in die haft : Krank hinter Gitter – nach 24 Jahren

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Karl-Heinz Francke aus Itzehoe-Edendorf soll eine mehrjährige Haftstraße verbüßen – das Urteil stammt aus dem Jahr 1990. Familie und Freunde laufen Sturm.

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erstellt am 08.Feb.2014 | 07:00 Uhr

Karl-Heinz Francke ist ein kranker Mann. Er wohnt am Albert-Schweitzer-Ring, der bessere Platz aber wäre, so sagt der 65-Jährige auch selbst, ein Pflegeheim oder Betreutes Wohnen. Doch die Staatsanwaltschaft Itzehoe hat andere Pläne mit ihm: Francke soll eine fast vierjährige Haftstrafe verbüßen. Die Basis dafür ist ein Urteil des Landgerichts Itzehoe vom August 1990.

„Ich habe früher mal Mist gebaut“, sagt Francke. Viel Mist? „Das ist richtig.“ In Dithmarschen habe er in den 80er Jahren Waren aus Lkws geholt, aber nur einen Teil davon verkauft, um seine Benzinkosten zu decken. „Ich habe sehr viel an arme Leute verschenkt.“ Peter Müller-Rakow, Sprecher der Staatsanwaltschaft, berichtet von Diebstahl in Serie und vielen Betrugstaten durch nicht bezahlte Aufträge und Bestellungen. Diese Vergehen sind die Grundlage für das Urteil.

Anfang der 90er Jahre saß Francke in der Justizvollzugsanstalt Kiel ein – ob für diese Taten oder aufgrund einer anderen Verurteilung, das verbirgt sich noch in den dicken Akten. Zu diesem Zeitpunkt litt er bereits unter Morbus Bechterew mit zunehmender Versteifung der Wirbelsäule und chronischen Schmerzen. Der Anstaltsarzt habe sich nicht richtig um ihn gekümmert, schildern Familie und Freunde. Francke nutzte eine Gelegenheit und setzte sich ab. Aber er sei nicht geflüchtet, betont der Itzehoer. Ein Fernsehsender berichtete über ihn, dann sei er in das Gefängnis zurückgekehrt. Bald darauf sei er von der Haft verschont worden.

Warum das heute nicht mehr gelten soll, verstehen die Söhne Sascha (42) und Martin (37) sowie die Nachbarin Bärbel Timm (35) nicht. Sie kümmern sich seit Jahren um Francke, sammelten nun Unterschriften für eine „Petition“. „Er hat selbst viel für die Menschen getan, auch für mich“, erklärt Bärbel Timm, Tischlerin auf Arbeitssuche. „Jetzt ist es Zeit zurückzugeben.“

Francke wurde 1948 in Itzehoe geboren und hat ein bewegtes Leben hinter sich. Mit 17 fuhr er zur See, lernte später Kraftfahrzeugmechaniker, wurde aber nach einem Motorradunfall berufsunfähig. Aus der ersten Ehe gingen vier Kinder hervor, zwei weitere aus der zweiten Ehe in Weißrussland. 1993 ging Francke dorthin. Die Ehe war geschieden, die Haftstrafe stand weiter im Raum. Sohn Sascha benutzt das Wort „geflüchtet“. Sein Vater blieb zehn Jahre, arbeitete nach eigenen Worten im Reisebüro und unterstützte in Kooperation mit deutschen Hilfsvereinen die Einheimischen.

Dann kam er zurück – und wurde „sofort verhaftet“, wie sein Sohn sagt. Wieder blieb Francke nicht lange hinter Gittern: 2003 habe es eine Haftverschonung gegeben für eine Operation, die aber nicht stattgefunden habe, so Staatsanwalt Müller-Rakow. Sascha Francke widerspricht: In Bad Wildungen sei der Oberkörper seines Vaters aufgerichtet worden, der beim Gehen nur noch den Boden gesehen habe. Ein Jahr lang habe er ein Gipskorsett getragen und nur im Stehen schlafen können. Die Stahlstangen seien inzwischen wieder gebrochen, doch eine weitere Operation gilt wegen des schlechten Gesundheitszustandes als zu riskant. Ein Gutachten von 2008 spricht unter anderem von Herzleiden und Bluthochdruck, inzwischen hat der 65-Jährige nach Familienangaben die Pflegestufe 2.

Im Laufe der Jahre hatte sich Francke rechtliche Kenntnisse angeeignet. Das Amtsgericht bestellte ihn zum Betreuer, wegen seiner Sprachkenntnisse vor allem für russische Aussiedler. „Ich habe wirklich Hunderten von Menschen geholfen“, sagt Francke. Zwar gab er aus gesundheitlichen Gründen die Tätigkeit als Betreuer wieder auf, rief dafür aber den Verein „Helfende Hand“ ins Leben. Über Jahre bot er rechtliche Beratung und Unterstützung an, dann hörte er auf: Es müssten ihm Fehler unterlaufen sein, meint Francke. Dafür steht er kommende Woche sogar wegen Betrugs vor Gericht. Seine Söhne und Bärbel Timm glauben die Ursache zu kennen: Es gebe Anzeichen einer Demenz. Die Fachklinik Aukrug diagnostizierte Mitte 2012 einen „hirnorganischen Abbauprozess“.

Für die Nachbarin steht fest: „Der Mann ist nicht haftfähig und wird nicht mehr haftfähig werden.“ Das sei Jahr für Jahr durch Gutachten des Gesundheitsamtes bestätigt worden, sagt Staatsanwalt Müller-Rakow. Jetzt hat sich das geändert. Die jüngsten Gutachten bescheinigen Karl-Heinz Francke „gering eingeschränkte Haftfähigkeit“, zuletzt im Mai 2013. Allerdings seien „erhöhte Anforderungen an einen behindertengerechten Haftraum zu stellen“. Diese Unterbringung sei nun gewährleistet, so Müller-Rakow: Im Januar wurde das neue Lazarett der Justizvollzugsanstalt Lübeck fertig. Sofort bekam Francke Post von der zuständigen Rechtspflegerin: Binnen einer Woche sollte er sich einfinden und den Rest von 423 Tagen aus der 1990 verhängten zweijährigen Freiheitsstrafe verbüßen sowie weitere zwei Jahre und acht Monate aus demselben Urteil. Und das alles fast 24 Jahre nach dem Schuldspruch – „so etwas passiert nicht oft“, sagt Müller-Rakow. Ob es überhaupt schon passiert ist, dazu gibt es keine Daten. Franckes Anwältin Katja Münzel erscheint das Vorgehen „sehr unverhältnismäßig“.

Für Francke ist klar: „Ich finde, das ist ein Unding.“ 100.000 Mal habe er seine Vergehen bereut, an die er sich heute kaum noch erinnern könne. Sohn Sascha meint: „Meines Erachtens kann man ihn nicht für etwas hinter Gitter bringen, bei dem er gar nicht weiß, worum es geht, und was dazu noch 24 Jahre her ist.“ Nach Rücksprache mit der JVA Lübeck ist er sicher, dass sein Vater dort nicht richtig betreut werden könnte. Aus dem Justizministerium heißt es dagegen, es stehe ein Platz zur Verfügung. Demnach sollte Francke schon 2011 in Haft, da aber waren die beiden behindertengerechten Zellen „langfristig belegt“. Auch in Hamburg sei angefragt worden, doch auch dort gab es keinen Platz. So musste der Umbau des Lazaretts abgewartet werden.

Bärbel Timm versteht das alles nicht: Franckes Taten seien nicht schön gewesen. „Aber er hat ja nun keinen Mord begangen. Da gibt es andere Leute, die gehören ins Gefängnis – und nicht nur zwei Jahre.“ Bei jedem Klingeln an der Tür habe er Angstzustände, sagt Francke. Seine Nachbarin macht sich Sorgen, dass er sich etwas antut. Sie zeigt ein Glas mit Dutzenden Tabletten für die Blutdrucksenkung. Francke: „Wo hast du das her?“ „Das habe ich dir gestern Abend weg genommen.“ Dem 65-Jährigen kommen die Tränen.

Das aktuellste Gutachten ist für Bärbel Timm eine „absolute Frechheit“ – mit Franckes Gesundheit gehe es schnell bergab. Darauf pocht auch seine Anwältin Katja Münzel und forderte in ihrem Schreiben an die Staatsanwaltschaft ein frisches Gutachten. Ihrem Antrag auf Strafaufschub wurde stattgegeben. Bis zum 14. Februar hat die Anwältin nun Zeit zur Stellungnahme: „Danach wird nochmal neu entschieden.“
 

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