Aufpasser : Kontrollgang mit der Bundespolizei

Gut vorbereitet geht er an Bord: Polizeihauptkommissar Jürgen Jachens von der Bundespolizei.
Gut vorbereitet geht er an Bord: Polizeihauptkommissar Jürgen Jachens von der Bundespolizei.

Grenze mitten in Dithmarschen: Beamte bemühen sich um ein zügiges Prüfen der Einreisenden an Brunsbüttels Tor zum Nord-Ostsee-Kanal.

Avatar_shz von
20. Dezember 2014, 16:00 Uhr

Kleine Punkte bewegen sich auf einem Bildschirm   in der Brunsbütteler Wache der Bundespolizei. Alle Schiffe, die sich von der Nordsee aus dem Nord-Ostsee-Kanal nähern, haben die Beamten im   Blick. Die Schleusenstadt wird gern für einen Besatzungswechsel genutzt, wissen die Beamten. „Jetzt sehen wir jede Bewegung, wenn Menschen mit Koffern, Tüten und Taschen herumrennen“, erzählt Polizeihauptkommissar Jürgen Jachens und zeigt aus dem Fenster der Brunsbütteler Wache. Sie liegt direkt auf dem Deich. Zukünftig fällt der Blick aus dem Fenster weg. Denn es steht ein Umzug an, hinter den Deich, in die Koogstraße 108, hinter die Plathe-Villa.


Bei Verdacht kontrolliert die Bundespolizei sofort


Schon jetzt müssen die Beamten einen Zickzack-Lauf hinlegen, um bei Schiffskontrollen pünktlich am Kai zu stehen. Je nachdem welche Schleusentore wie geöffnet sind, laufen sie an die 1,7 Kilometer bis zu den Anlegeplätzen. Ihr Weg führt vorbei an Haltetauen, über metallene Treppen und oft über feuchten und rutschigen Boden. Jürgen Jachens ist es wichtig pünktlich zu sein. Der 54-Jährige ist Schichtleiter an diesem Tag.

Damit sich die Weiterfahrt der Frachter nicht verzögert, will er vor Einlaufen am Anleger sein und zwar gut vorbereitet. Schon Stunden bevor ein Frachter die Schleusen erreicht, kennen die Beamten Namen, Identifizierungsnummer, Nationalität und voraussichtliche Ankunftszeit. Besatzungslisten geben Auskunft über die Crew. Noch bevor ein Frachter anlegt, rattert der Polizeicomputer, und routinemäßig findet ein Abgleich mit den aktuellen Fahndungslisten statt.


Zeit ist Geld: Kontrollen müssen effektiv und schnell sein


Es ist Mittag. Neun Frachter steuern auf den Nord-Ostsee-Kanal zu. Nicht alle nehmen die Beamten ins Visier. Einige kommen aus dem Inland oder aus europäischen Staaten im Schengenraum. Schiffe aus Drittländern unterziehen die Beamten einem Pass-Personen-Vergleich. An diesem Tag nehmen sie die Annette Essberger in den Blick. Sie kommt aus England (Nicht-Schengenraum) und wird in Brunsbüttel im Ölhafen anlegen um Ladung zu löschen oder zu holen. „Wir gehen mit der Liste an Bord und lassen uns die Ausweise aushändigen“, erklärt Polizeihauptkomissar Jürgen Jachens.

Allen Besatzungsmitglieder direkt ins Gesicht schauen, das kann er nicht. „Bestimmte Manöverstationen müssen beim An- und Ablegen in die Schleusen besetzt sein“, erklärt er. Jachens orientiert sich dabei an den Sicherheitsvorschriften der Seeberufsgenossenschaft – und an der Zeit. Frachter, die in den Nord-Ostsee-Kanal einlaufen, sind an Lieferzeiten gebunden. Der Warenverkehr muss rollen. Die Kontrollen effektiv, gründlich und schnell sein. „Wir arbeiten mit dem gutem Glauben, dass die Schiffsführung ihrer Aufgabe nachkommt“, so der Hauptkommissar. Falsche Darstellungen auf den Listen wären rechtlich eine Urkundenfälschung.

Der Hauptkommissar greift zum Stempel und stempelt einen Stapel Passierscheine ab. Neben der Kontrolle kommt der Bundespolizei eine weitere wichtige Aufgabe zu: Die Beamten stellen den Besatzungsmitgliedern eine Art Ersatzvisum aus, das ihnen erlaubt, sich bis zu 30 Tage im Hafenort aufzuhalten. Nichteuropäer, sogenannte Drittausländer, benötigen in der Regel ein Visum oder zumindest eine touristische Kurzaufenthaltsgenehmigung, um sich in Deutschland aufzuhalten. Für Seeleute gilt nach supranationalem Recht eine gesonderte Regelung. „Sie können nicht für jedes Land, dass sie durchreisen, ein Visum beantragen. Sie wollen auch nicht wirklich einreisen, sondern machen nur ihre Arbeit“, weiß der Polizeihauptkommissar. Die Beamten stellen auch Visa für Seeleute aus, die in Brunsbüttel abmustern und von Bord gehen, weil die Besatzung wechselt.


Kaum Flüchtlingsströme über See


Zwölf Leute von Master (Kapitän) über Offiziere, einfache Seeleute und einen Koch erwartet er auf der Annette Essberger. Die Besatzungsliste liegt griffbereit. Doch noch hängt der Frachter vor der Schleuse in der Warteschleife.

„Natürlich kann es vorkommen, dass jemand von der Schiffsleitung versteckt wird. Aber wir können ja nicht das ganze Schiff umkrempeln“, meint Jachens. Der Nord-Ostsee-Kanal sei nicht das Tor für Flüchtlinge, die nach Deutschland einreisen wollen. Zum einen, da Schiffe aus Krisengebieten wie Syrien meist Häfen in den Benelux-Ländern anlaufen, zum anderen dauere eine Flucht über das Meer viel zu lange. „Die Schiffe sind Wochen unterwegs“, wissen die Beamten. Im Hafen wäre für Außenstehende auch meist nicht ersichtlich, welche Richtung ein Schiff einschlagen wird. Für Flüchtlinge sei es daher einfacher, sich in die Hände eines Schleusers zu begeben.

Auch bei der arbeitenden Besatzung aus Drittländern sieht Jachens kein Risiko. „Denen geht es gut“, betont er. Auf 700 bis 1000 Dollar schätzt er den Verdienst der Seeleute, die damit ihre Familien in der Heimat unterstützen können. Zusätzlich gebe es Essen an Bord und wenig Zeit zum Landgang.

Rund 31  000 Schiffe und Frachter (ohne Sportboote) passieren jedes Jahr den Nord-Ostsee-Kanal. 11 000 davon werden von der Bundespolizei kontrolliert.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen