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Norddeutsche Rundschau

18. August 2017 | 01:56 Uhr

Komik mit ernstem Unterton

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Theatergruppe „Augustoria“ erntet viel Beifall für ihre Version von Brechts „Kleinbürgerhochzeit“

Weg von der Boulevard-Komödie! Hin zum ernsteren Fach! Aber trotzdem mit Lachen die Wahrheit sagen! So präsentiert die „Augustoria”, ein in loser Verbandelung mit der Auguste-Viktoria-Schule stehendes Erwachsenen-Ensemble, ihre neue Inszenierung. Dagmar Kröger-Naudiet stellt Brechts „Kleinbürgerhochzeit“ auf die Bühne, eine „Orgie der Hohlheit, der Langeweile, der Öde und der Vereinzelung“, charakterisiert Brecht sein Stück, das er als knapp 20-jähriger schrieb. Alles zerbricht in dieser Hochzeitsfeier, das Mobiliar und die Moral. Der Versuchung, aus den zusammenknackenden Möbeln bühnenwirksamen Klamauk zu produzieren, widerstand die Regie. Stattdessen: Komik mit Unterton.

Für das Komische sorgt die Handlung: Zunächst speist man gemeinsam am selbst geschreinerten Tisch. Aber dann: Die Braut tanzt den Hochzeitstanz nicht mit dem Bräutigam. Der Brautvater erzählt Geschichten, denen keiner zuhört. Ein befreundetes Ehepaar setzt seinen Rosenkrieg mit verbalen Tiefschlägen und Stuhl werfen fort. Die Braut ist, was eine fiese Indiskretion offenbart, schwanger. Wer nicht redet, säuft. Je mehr die Smalltalk-Themen ausgehen, desto weniger hilfreich erweisen sich die gesellschaftlichen Riten wie Tanzen oder Sitzordnung ändern.

Und der Unterton? Für den sorgen die Abgänge. Direkt an der Rampe, direkt ins Publikum liefern die Abgehenden ihre Erkenntnisse ab. Das schafft Distanz. Folglich vergisst man schon einmal vor lauter Betroffenheit das Klatschen. Überhaupt eignet sich Brechts Stück kaum für Zwischenbeifall. Dass es dennoch reichlich gab, liegt vor allem an den Akteuren der „Augustoria“.

Als Brautvater mit Perücke, Bart und Stock sorgt Michael Kappus nicht nur für lustige Einlagen. Er lässt auch den Brechtschen Hintersinn aufblitzen: „Bei den Modernen wird das Familienleben in den Schmutz gezogen“, antwortet er auf die Frage, ob er Brechts „Baal“ gesehen habe. Ganz stark: Sein Abgang, indem er den Sinn seines sinnlosen Erzählens reflektiert. Sarah Sobhe und Eugen Richter geben das Brautpaar, sie eine Lügnerin, er ein Nichtsnutz, der nicht einmal den richtigen Leim für seine Möbel findet. Das Rosenkrieg-Ehepaar geben Dietmar Ramm, überzeugend in hölzerner Hilflosigkeit, und Dagmar Rentzow mit treffsicheren verbalen Tiefschlägen. Der Freund des Bräutigams (Eugen Richter) und der junge Mann (Eike Kuhrcke) sorgen für den Beziehungsstress. Witzig: Kuhrcke mit seiner Liszt-Arie. Katrin Melville-Roberts als Mutter des Bräutigams und Emilie Greve als Schwester der Braut, die sich mal kurz verführen lässt, beeindrucken durch ihre Spielfreude. Gunda Pehl und Edda Sommer sorgen für die musikalische Begleitung auf dem Akkordeon.

Dass eine 100-Minuten-Präsentation reibungslos abläuft, ist auch dem Team hinter der Bühne zu verdanken. Da hatte man sich für Bühnenbild, Kostüm und Maske Originelles einfallen lassen. Viel Beifall im fast ausverkauften Haus für eine starke Truppe, die geschickt die Balance zwischen Witz und Nachdenklichkeit hält.


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