Hilfe : Kollmaranerin gibt Hoffnung

In ihrem Garten in Kollmar: Ama Pokua von Pereira.
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In ihrem Garten in Kollmar: Ama Pokua von Pereira.

Ama Pokua von Pereira ist Anwältin. Sie erlebte viele Jahre täglichen Rassismus und hilft jetzt ehrenamtlich Kindern in Afrika.

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04. Juli 2015, 16:26 Uhr

„Europa ist das Tor zum Himmel!“ Mit dieser Vorstellung kam Ama Pokua von Pereira als 16-Jährige mit ihrer Familie aus Ghana nach Deutschland – und landete in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Billstedt. In der Nachbarschaft wohnten Kriminelle, im Treppenhaus lagen zerbrochene Bierflaschen. Nicht nur das war ein krasser Kontrast zu ihrem Leben in Ghana, wo sie in einem großen Haus gelebt und ein Internat besucht hatte. Die junge Frau machte noch eine völlig neue Erfahrung: Sie erlebte, dass sie diskriminiert wurde, nur weil sie anders war. Da gab es rassistische Beschimpfungen auf der einen Seite, aber auch unterschwellige Abwertungen, zum Beispiel, wenn die Lehrer überrascht waren, dass sie nicht dumm ist. „Ich konnte nicht fassen, dass ich schlecht behandelt wurde, nur weil ich schwarz bin“, blickt die 41-Jährige zurück. „Das war in meiner Lebenswelt nicht drin – alle Menschen sind doch Menschen und alle sind anders.“

Sie kämpfte sich durch, las viel, ging in die Bibliothek, lernte schnell die deutsche Sprache, konnte schon nach kurzer Zeit aus einer „Ausländerklasse“ aufs Gymnasium wechseln. Dass sie eine akademische Laufbahn einschlagen wollte, war Ama Pokua von Pereira klar. Doch Förderung suchte sie vergebens. „Es gab nichts, was nicht kostenpflichtig war.“ Sie schaffte es trotzdem, studierte Jura, wurde Anwältin, zog in ein schönes Haus in Kollmar.

Erst als ihre eigenen Kinder eingeschult wurden, rissen die alten Wunden wieder auf. „Ich habe gesehen, wie viel Unterstützung die Kinder brauchen“, erzählt die dreifache Mutter. Und sie wusste, dass es in vielen Familien, gerade solchen mit Migrationshintergrund, diese Unterstützung nicht gibt, nicht geben kann. Diese Erkenntnis erschütterte sie – und motivierte sie, selbst etwas zu tun. Mit Gleichgesinnten gründete sie 2005 den Verein „Bildung ohne Grenzen“ (bildog).

„Es gibt ganz verschiedene Grenzen, die der Bildung im Weg stehen können, zum Beispiel Sprachbarrieren, Armut und Motivationslosigkeit“, sagt die 41-Jährige. Diese will der Verein aufheben. Anfangs bot bildog Kindern und Jugendlichen in Billstedt eine Anlaufstelle, wo Ehrenamtler und Honorarkräfte ihre Hausaufgaben betreuten, mit ihnen Sport machten oder Theater spielten. Durch die aufkommenden Ganztagsschulen entstanden zudem mehr und mehr Kooperationen mit Schulen und Jugendeinrichtungen.

Seit 2010 hat bildog auch einen Standort in Berlin. Und 2014 kam ein neues Projekt dazu: African Chances. Tief bewegt von den dramatischen Bildern von afrikanischen Menschen auf der Flucht nach Europa wollte Ama Pokua von Pereira die Gründe dafür aufspüren, weshalb sie ihrem Land den Rücken kehren und dabei alles riskieren. „Das ist kein Abenteuer, das ist eine Reise auf Leben und Tod“, weiß sie. Und niemand verlasse seine Heimat gerne.

Beim Besuch eines Dorfes in einer Region in Ghana, die von der Abwanderung stark betroffen ist, begriff sie, was die Flüchtlinge antreibt: die totale Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit. Die Mutlosigkeit, die in den jungen Menschen steckt, schockierte sie. „Sie vegetieren von klein auf nur vor sich hin.“ Der Besuch der Grundschule ist kostenfrei, doch weiterführende Schulen kosten Geld – Geld, das die meisten Familien nicht haben. Die einzige Arbeitsmöglichkeit ist die Landwirtschaft, doch auch da ist kaum etwas zu holen. Es gibt eine große Drogenproblematik. Und auch Kinderschwangerschaften sind weit verbreitet. „Ich habe ein 13-jähriges Mädchen kennen gelernt, das schon ein dreijähriges Kind hatte“, erzählt die bildog-Vorsitzende.

Der Verein will helfen. Doch die Hilfe soll nicht übergestülpt, sondern gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt werden. Mit vielen Vertretern des Dorfes – vom Pastor bis zum Schulleiter und den Schülern selbst – saß Ama Pokua von Pereira zusammen und überlegte, was getan werden kann. Am Ende stand die Idee: „Wir bauen eine Art Jugendzentrum auf, wo wir etwas Ähnliches bieten wie in Deutschland auch: Betreuung, Hilfe, Bibliothek, Computerraum, aber auch Musikraum und Fußballfeld für die Freizeitgestaltung.“ Die Menschen dort seien Feuer und Flamme. „Die Akzeptanz und Motivation ist groß“, erzählt die 41-Jährige. „Es ist spannend, wie reflektiert sie ihre Situation sehen. Sie wissen genau, wo das Problem liegt, aber sie brauchten den Anschub.“ Ama Pokua von Pereira ist optimistisch, dass das Projekt gelingt und womöglich sogar noch ausgebaut werden kann.

Warum sie das alles tut? „Geben gibt“, sagt die Vorsitzende. Sie hat ihren Platz gefunden, aus eigener Kraft. „Ich bin froh, dass ich den Weg so gegangen bin“, sagt sie. Auch, wenn es mühsam war: „Brust raus, Kopf hoch – und rein in den Kampf.“ Als sie ins Berufsleben startete, gab es keine andere schwarze Anwältin in Hamburg, „es war auch für die Richter komisch“.

Noch heute wird sie manchmal gebeten, den Gerichtssaal zu verlassen, weil es doch eine nichtöffentliche Sitzung sei, oder als Dolmetscherin begrüßt – selbst, wenn sie schon in Robe da sitzt. Und wenn jemand sagt „Sie sprechen aber gut Deutsch“, dann versetzt es ihr immer noch einen Stich. „Dann merke ich plötzlich wieder, dass ich anders bin.“ In ihrem Umfeld spielt das überhaupt keine Rolle. Da ist es völlig egal, wo sie herkommt oder dass sie eine andere Hautfarbe hat. Seit 14 Jahren lebt sie in Kollmar. Sie ist in der Nachbarschaft voll integriert, feuert zusammen mit den anderen Eltern am Wochenende die Kinder bei Handballturnieren an, man schnackt über den Gartenzaun, hilft sich gegenseitig.

Und doch kann Ama Pokua von Pereira auch verstehen, wenn es Ängste gibt, wenn Strömungen wie Pegida entstehen. „Das Problem ist, dass zu wenig miteinander gesprochen wird, dass es keine Auseinandersetzungskultur gibt“, sagt sie. In Hamburg habe inzwischen fast jedes zweite Schulkind Migrationshintergrund. „Die Gesellschaft verändert sich. Sie wird nie wieder so sein, wie sie einmal war. Und wenn sich im Leben etwas verändert, ist man nicht immer glücklich damit.“ Man müsse hinschauen und die Veränderungen auch kommunizieren. „Man muss die Vielfalt sehen – aber auch die Probleme. Wenn man die Probleme nicht bespricht, kann man keine Lösung finden. So lange Ängste nicht abgebaut werden, sind sie da.“

> Im Internet: www.bildog.de

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