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Geschichte : Kohlmarkt war wie ein großes Kaufhaus

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wo Otto Andresen seine Kinder- und Jugendjahre in Wilster verbracht hat – ein Ausflug in die Vergangenheit

shz.de von
erstellt am 21.Jan.2016 | 12:02 Uhr

Wenn Otto Andresen durch den Kohlmarkt schlendert, ist immer auch ein bisschen Wehmut dabei. „Allein in diesem kurzen Abschnitt waren wir damals 50 Kinder“, erinnert sich der heute 80-Jährige an die Nachkriegsjahre. „Und auf der Straße haben wir mit einer Blechdose Fußball gespielt.“ Da konnte der junge Otto mit seiner Familie fast eine eigene Mannschaft aufstellen. Er hatte zehn Geschwister. Die Innenstadt von Wilster unsicher gemacht, hat er aber vermutlich mit seinen Altersgenossen. „Allein in unmittelbarer Nachbarschaft gab es fünf Jungs, die alle im Januar geboren sind.“ Einer von ihnen ist inzwischen verstorben, mit den übrigen vier ist er noch immer befreundet.

Aber nicht nur mit vielen Kindern, auch mit aus heutiger Sicht zahllosen Geschäften und Handwerksbetrieben war der Kohlmarkt zu seiner Jugendzeit gesegnet. Die Familie Andresen selbst hatte ein kleines Ladengeschäft. Vater Hans war gelernter Sattler. Der gebürtige Beidenflether fertigte zunächst Pferdegeschirre und konzentrierte sich später auf Polsterarbeiten. In den 1960er Jahren kamen noch Lederwaren hinzu. Wenn Otto Andresen heute vor seinem Geburtshaus steht, kommen ihm allerdings fast die Tränen. Das Gebäude ist seit Jahren dem Verfall preisgegeben, die früheren Schaufenster sind mit Holzplatten vernagelt. Auch das Nachbarhaus steht seit langer Zeit leer. „Wenn ich das sehe, könnte ich verrückt werden“, bedauert er diese Entwicklung und fügt hinzu: „Wenn ich 30 Jahre jünger wäre, würde ich diese Häuser kaufen. Es gibt doch genug alte Leute, die heute in der Innenstadt leben wollen.“

Sein Geburtshaus steht leer, auf der Straße spielende Kinder trifft man auch keine mehr. Auch sonst ist der Kohlmarkt im Vergleich zu den Jugendjahren von Otto Andresen heute kaum wieder zu erkennen. „Aus alten Protokollen der Liedertafel weiß ich, dass es in Wilster zu der Zeit mehr als 50 Gaststätten oder Trinkstuben gegeben hat“, sagt Otto Andresen. Einige davon gab es auch am Kohlmarkt, und eine davon kennt er besonders gut: „Im Marschkrug habe ich mit meinen Kumpels mein halbes Leben verbracht“, steht er vor einem Gebäude, bei dem nur noch die ausgeschaltete Leuchtreklame an bessere Zeiten erinnert. „In den Kneipen gab es beim Wirt immer eine Tafel mit Strichen drauf. Daher kommt auch der Spruch ,in der Kreide stehen’“. Man habe die Rechnung eben dann bezahlt, wenn man gerade mal Geld hatte.

„Wir hatten damals doch alle kein Geld“, so Andresen weiter. Auch er selbst musste sich die sechs Mark, die er als Lehrling pro Woche bekam, gut einteilen. Dennoch seien die Menschen „alle sehr zufrieden gewesen“. Damals habe man auch etwas gelernt, was diese Generation noch heute beherzigt: „Wir werfen nix weg.“ Zu jener Zeit hätten die Materialkosten für die Produkte noch bei 80 und der Lohnanteil bei 20 Prozent gelegen. „Heute ist das genau umgekehrt.“

Otto Andresen war nach dem Krieg bei einem Tischlermeister in St. Margarethen in die Lehre gegangen. „Der Meister hat zu mir gesagt: Ich guck’ mir das vier Wochen lang an, dann sage ich dir, ob ich dich nehme.“ Otto Andresen holte sich seinen Gesellenbrief, ging dann zwei Jahre zur Peterswerft nach Wewelsfleth und arbeitete schließlich in Hamburg auf dem Bau. „Mit 42 habe ich noch meine Prüfung zum Hochbau-Polier gemacht“, berichtet er nicht ohne Stolz. Seine Kinder- und Jugendjahre am Kohlmarkt hat Otto Andresen dabei immer in guter Erinnerung behalten – trotz aller beengten Verhältnisse. Neben der Familie mit zehn Kindern und dem Laden mit Werkstatt wurde in dem kleinen Stadthaus auch noch ein Zimmer an einen Handelsvertreter vermietet. Zu der Zeit hatte die Stadt auch den großen Nachkriegs-Ansturm von Flüchtlingen gut verkraftet. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die Bevölkerungszahl fast verdoppelt. „Wir sind in der Stadt eben alle zusammengerückt.“ Ein großer Vorteil sei dabei natürlich gewesen, dass alle die gleiche Sprache sprachen.

Zurück zum Kohlmarkt: Der Wilsteraner Alfred Spieß hat schon vor gut 30 Jahren eine Liste von Geschäften in Wilster erstellt, die schon damals verschwunden waren (siehe auch Infokasten). Inzwischen sind noch zahlreiche hinzugekommen. Für Otto Andresen ist diese Aufstellung wie ein Ausflug in die Vergangenheit. „Da, wo heute ein Parkplatz ist, stand früher das Weinlokal Kock“, beginnt er seinen Rundgang, der immer wieder Erinnerungen wachruft. Vor dem späteren Hotel Busch gab es an dem Standort die Zimmerei Dolling. „Und wo später das Elektrogeschäft reinkam, war vorher eine Zigarrendreherei.“ Heute Reisebüro, dann städtische Sparkasse und davor das Lampengeschäft Kühl, macht der Wilsteraner an einem weiteren Beispiel deutlich, wie sehr sich das Innenleben seiner Heimatstadt verändert hat. „Haus bei Haus waren hier Geschäfte“, setzt er seinen Rundgang fort.

Schmuck, Kohlen, Milch, Brote, Dünger, Eisenwaren und Kolonialwaren aller Art: Der Kohlmarkt war einst wie ein kleines Kaufhaus. Auch Dienstleister gab es hier reichlich – von Friseuren bis zu Rechtsanwälten. Auch der Zahnarzt ist Otto Andresen noch gut in Erinnerung. „Heiligabend hatten wir einen Fußball geschenkt bekommen. Der landete bei dem Zahnarzt im Fenster, und da war der Ball weg.“

„Der große Bruch kam mit den Supermärkten. Da gingen die kleinen Milch- und Kolonialwarenläden alle ein“, bedauert Andresen. Das war in den 70er Jahren. Seitdem war der Veränderungsprozess nicht mehr aufzuhalten. Eine der wenigen Konstanten am Kohlmarkt ist übrigens die Wilstersche Zeitung. „Die war schon immer hier“, erinnert sich Otto Andresen an gute Nachbarschaft.

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