Barrierefreies Glückstadt : Kleine Hindernisse – große Wirkung

Die erste Hürde für die Teilnehmer am Hindernisparcours war bereits der Fußgängerüberweg am Hafenkopf mit kleinen Absätzen.
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Die erste Hürde für die Teilnehmer am Hindernisparcours war bereits der Fußgängerüberweg am Hafenkopf mit kleinen Absätzen.

Bei der Aktion „Barrierefreies Glückstadt" erkannten die Teilnehmer viele Schwierigkeiten für Menschen mit Behinderungen.

shz.de von
11. Mai 2015, 10:52 Uhr

Glückstadt | Nicht nur mit den Stolperfallen auf Gehwegen und Straßen, sondern auch mit den Widrigkeiten des Wetters hatten die Teilnehmer an der Aktion „Barrierefreies Glückstadt“ am vergangenen Wochenende zu kämpfen. Wo verstaue ich eigentlich meinen Regenschirm in einem Rollstuhl und wie glatt ist Kopfsteinpflaster bei Regen, wenn ich nichts sehen kann, fragten sich Politiker und Bürger der Stadt, die sich trotz des Regenwetters auf den Hindernisparcours begeben hatten. Anlass für die Aktion war einerseits der „Tag der Städtebauförderung“, andererseits aber auch das angefertigte Gutachten zur Barrierefreiheit in Glückstadt. Vor rund zwei Jahren hatte die Stadtverwaltung das Gutachten in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse zeigten zwar einige gute Ansätze, hatten aber vor allem für Rollatoren und Rollstühle viele Barrieren in Glückstadt entdeckt, die es nun nach und nach abzubauen gilt.

Um diese Ergebnisse der Öffentlichkeit vorzustellen, hatte die Stadtverwaltung die Mitarbeiter der Institute BIP (Büro für integrierte Planung, Berlin) und „Raum und Prozess“ nach Glückstadt eingeladen, um den Hindernisparcours vorzubereiten und zu begleiten. Neben städtischen Politikern waren auch Vertreter des Seniorenbeirates, des Seniorenverbandes, der Glückstädter Werkstätten und auch des DRK-Seniorenzentrums sowie interessierte Bürger zu dem Termin gekommen, um die Barrierefreiheit in ihrer Stadt zu testen. Allen voran ging Bürgermeister Gerhard Blasberg mit Uta Bauer von BIP sowie Lisa Mecklenburg und Tony Linke von „Raum und Prozess“ auf den Rundgang durch die Stadt. Dabei standen den Teilnehmern verschiedene „Hilfsmittel“ zur Verfügung. In Rollstühlen, mit Rollatoren oder auch mit Brillen, die das Sichtfeld bei verschiedenen Augenerkrankungen simulieren, waren die gewohnten Wege durch die Stadt nicht mehr ganz so einfach wie gewohnt zu meistern.

Vor allem den Rollstuhlfahrern stellten sich schnell die ersten Hindernisse in den Weg. Kleine Absätze wurden zu gefährlichen Stolpersteinen, die Rinnen am Fahrbahnrand rund um den Marktplatz brachten die Rollstühle gefährlich ins Schlingern. Manche Geschäfte waren allein nicht zu betreten, auch wenn die Geschäftsinhaber zum Teil Rampen angebracht hatten. Ging dann aber die Tür nach außen auf, rollte der Rollstuhl, kaum, dass er die Rampe bewältigt hatte, gleich wieder hinunter. Lob erntete hingegen eine Bäckerei am Fleth, die ebenerdig guten Zutritt gewährte und auch im Innenraum so großzügig gestaltet war, dass Rollstuhlfahrer bequem einkaufen können. Ein so gar nicht erwartetes Hindernis war die leichte Schräge der Gehwege am Fleth. „Ich hätte gar nicht erwartet, dass das so viel ausmacht“, bemerkte Sandra Kirbis von der GDM, die sich unter die Rollstuhlfahrer gemischt hatte und mit viel Kraftanstrengung die Schräge meisterte.

Um die Hindernisse für Behinderte in der Stadt wussten Waltraud Bieber und Rita Gemende. Die sehbehinderte Rita Gemende schiebt Waltraud Bieber mit dem Rollstuhl oft durch die Stadt und ist dabei schon häufig an ihre Grenzen gestoßen. „Mit meiner Sehbehinderung kann ich Begrenzungen am Fahrbahnrand oft nicht erkennen und bin schon oft gestolpert. Diese eigentlich kleinen Absätze sind dann auch mit dem Rollstuhl nur schwer zu bewältigen“, weiß sie aus Erfahrung. Dass sie dann auch noch auf Anfeindungen von anderen Verkehrsteilnehmern stößt, weil sie notgedrungen auf den Straßenrand ausweichen muss, ist ihr besonders unverständlich.

Vor allem Klaus Bornemann, Mitglied im Wirtschaftsausschuss der Stadt, hat auf dem Hindernisparcours viele der Stolperfallen entdeckt. Ganz mutig rollte er im Rollstuhl der ersten Gruppe voran und kam gleich beim ersten Fußgängerüberweg am Hafenkopf gefährlich ins Kippeln, als sein Gefährt an einem Absatz hängen blieb. In der Bankfiliale am Fleth, wo es seine Aufgabe sein sollte, die Zugänglichkeit des Geldautomaten zu testen, kam er ohne fremde Hilfe dann gar nicht mehr weiter. Ein Absatz an der Tür und auch die schwer gängige Tür selbst, ließen sich allein im Rollstuhl nicht bewältigen.

Bürgermeister Gerhard Blasberg wechselte während der Tour mehrmals die Handicaps, war zunächst im Rollstuhl unterwegs, setzte dann die komplette Augenabdeckung auf und lief schließlich auch noch mit einem Rollator. „Es gilt aber nicht nur, Schwachstellen aufzudecken, sondern auch zu sehen, wo schon Positives zu erkennen ist“, mahnte Uta Bauer. Sie forderte zudem auf, die erkannten Schwachstellen ans Bauamt weiter zu geben. Auch auf den Stellwänden, die die Organisatoren aufgestellt hatten, konnte jeder seine Erfahrungen aufschreiben und dabei festhalten, wo der größte Handlungsbedarf gesehen wird. Fazit des Vormittages: In Glückstadt sind bereits gute Ansätze zu sehen, aber an vielen Stellen besteht noch ein großer Handlungsbedarf, um die Stadt für alle ihre Bewohner barrierefreier zu gestalten. 


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