"Kirchenraum ist ein Geschenk"

Aufgetaucht: (v.l.) Dr. Holger Reimers, Andreas Voss, Beate von Malottky, Dr. Astrid Hansen und Marion Eifinger betrachten die Kopie, die die Bogenfenster im Giebel zeigt. Fotos: jn
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Aufgetaucht: (v.l.) Dr. Holger Reimers, Andreas Voss, Beate von Malottky, Dr. Astrid Hansen und Marion Eifinger betrachten die Kopie, die die Bogenfenster im Giebel zeigt. Fotos: jn

Bauhistoriker und Denkmalschützer arbeiten mit der Freien Christengemeinde Glückstadt an einem Konzept für die Restaurierung

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23. September 2011, 08:14 Uhr

glückstadt | "Gießhaus - Gefängnis - Kirche" - so steht es seit kurzem über dem Eingang des geschichtsträchtigen Hauses in der Königstraße 41 geschrieben. Was sich hinter den mit Rigipsplatten abgehängten Wänden im Inneren verbirgt, lässt die Herzen von Bauhistorikern und Denkmalschützern höher schlagen. Und nicht nur deren. "Dass wir auf ein historisches Gebäude mit Kirche stoßen, war ein Geschenk", erklärt Klaus Morwinski (Foto) von der Freien Christengemeinde in Glückstadt. "Wenn man als Pastor ein Gotteshaus findet, ist das ein Wunder."

Bei einer bauhistorischen Führung ließen sich gestern Dr. Astrid Hansen vom Landesamt für Denkmalpflege und Beate von Malottky, Untere Denkmal schutzbehörde des Kreises Steinburg, von den Bauhistorikern Dr. Holger Reimers aus Hohenfelde und Dipl.-Ing. Andreas Voss sowie Dipl.-Restaurateurin Marion Eifinger über die Ergebnisse ihrer Forschungen in den zurückliegenden Monaten unterrichten. Wichtigste Arbeitsgrundlage dafür waren die originale Bausubstanz, die historischen Oberflächen sowie alte Fotos und Zeichnungen, auf denen das lang gestreckte Gebäude an der Königstraße zu sehen ist - möglichst mit Ansicht des Giebels zur Ballhausstraße. Denn die freigelegte Wand im Inneren des ersten Geschosses zeigt deutlich, dass der jüngst entdeckte Kirchenraum mit zwei Bogenfenstern ausgestattet war. Darüber gibt es - offiziell seit gestern - auch einen bildhaften Beweis. "Wir haben einem privaten Sammler Kopien von Fotos erhalten", sagte Pastoren-Sohn Chris Morwinski. Sehr zur Freude der beauftragten Bauhistoriker. Denn diese Dokumente sind ihnen bislang "vorenthalten" geblieben.

So wie Marion Eifinger in aufwändiger Puzzlearbeit vorsichtig Farbschicht für Farbschicht an alten Balken und an den Wänden Kirchenraums freilegt, arbeiten die Bauhistoriker mit Kopien von Gebäudeentwürfen, die zum Teil nie verwirklicht wurden. "Von dem barocken Entwurf sieht man im Gebäude nichts", erklärte Voss bei der Führung - und deutete auf eine ihm vorliegende Kopie einer historischen Zeichnung. Fazit: "Da muss weiter geforscht werden." Nach derzeitigem Stand gehen die Wissenschaftler davon aus, dass das heutige Gebäude nach einem Brand im 19. Jahrhundert auf dem bestehenden Fundament neu errichtet wurde - mit alten Materialien.

Bei dem Rundgang besichtigten die Denkmalschützer auch den ehemaligen Arbeitssaal des Männergefängnisses, in dem bis zu 800 Gefangene eingesessen haben sollen - verteilt auf mehrere Gebäudeflügel, die heute nicht mehr existieren. Sichtbar sind auch die Reste der alten Feuerungsanlagen, die aus Brandschutzgründen gesetzte Steintreppe oder die schweren Scharniere einen eisernen Brandschutztür.

Im Mittelpunkt stand später jedoch wieder der Kirchenraum. Unterbrochen von später eingesetzten Fenstern finden sich an den Wänden noch kirchliche Schriften. "Der Raum hat eine tolle Innenausstattung mit fünf verschiedenen Oberflächen, die innerhalb von 80 Jahren entstanden sind", berichtet Dr. Holger Reimers. Obwohl die Substanz "stark mitgenommen" sei, halte er sie für "erhaltenswert und restaurierungswürdig". Wie der Kirchenraum erhalten bleiben kann, soll ein Konzept aufzeigen, das jetzt entwickelt wird.

"Die Zusammenarbeit ist sehr konstruktiv", freut sich Reimers. Das kann Pastor Morwinski nur bestätigen: "Es macht auch keinen Sinn, uns etwas zuzumuten, was wir nicht bezahlen können." Ende des Jahres sollen die ersten Räume nutzbar sein. Mit dem Abschluss der Arbeiten im Kirchenraum rechnet er in frühestens fünf Jahren.

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