Kinderschutz: Bedarf ist ungebrochen

Einrichtung zieht ernüchternde Bilanz

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27. September 2012, 07:08 Uhr

Brunsbüttel | Es sind jetzt 14 Jahre vergangen, seitdem das Kinderschutzzentrum Westküste unter dem Motto "Kinderschutz im ländlichen Raum" zunächst als dreijähriges Modellprojekt an den Start gegangen ist und dann fortgesetzt wurde, um jetzt erneut ein Modellprojekt auf den Weg zu bringen. Diplom-Pädagoge Martin Sanders sowie der Erzieher und Diakon Lars Wulff zogen im Brunsbütteler Sozialausschuss eine positive Bilanz der bisher geleisteten Arbeit.

Das Kinderschutzzentrum unter der Trägerschaft des Diakonischen Werks Husum, das alle 14 Tage montags im Zimmer 11 des Brunsbütteler Rathauses zu erreichen ist, wird jeweils zu einem Drittel vom Land Schleswig-Holstein sowie von den Kreisen Nordfriesland und Dithmarschen finanziert. Es betreut die Westküstenkreise und schreitet ein in Fällen körperlicher, seelischer, häuslicher und sexualisierter Gewalt, bei Kindervernachlässigung und Familienkonflikten sowie bei akuten Krisensituationen.

"Im Jahr 2011 hatten wir 357 Fälle zu betreuen", teilte Martin Sanders den Brunsbütteler Kommunalpolitikern mit. Sie verteilten sich auf Dithmarschen mit 168 und Nordfriesland mit 189 Fällen. Das Erschreckende: Fast ein Drittel aller Fälle (genau 102) standen im Zusammenhang mit sexueller Gewalt, gefolgt von körperlicher Gewalt mit 11,6 Prozent (45 Fälle). Als Ratsuchende oder Hinweisgeber benannte Sanders Eltern und Bezugspersonen; Nachbarn, die Gefährdung von Kindern vermuten; Personen, die selbst Gewalt gegen Kinder ausüben, sowie Mitarbeiter von Einrichtungen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Das jetzt neu angelaufene Projekt wird von Diakon und Erzieher Lars Wulff betreut. Er verwies auf die vor zwei Jahren bekannt gewordenen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und machte bewusst, dass derartige Übergriffe auch in vielen anderen Bereichen möglich seien, so in Sportvereinen, Verbänden und Jugendorganisationen. Hier wolle das Kinderschutzzentrum ansetzen, mit Vereinen und Verbänden ins Gespräch kommen und damit sowohl die Jugendarbeit insgesamt als auch die Kinder und Jugendlichen stärken. "Wir müssen sie stark machen, in bestimmten Situationen entschieden nein zu sagen", betonte Wulff. Er erklärte sich bereit, zu Vorträgen und Präventionsspielen in die Vereine zu kommen, um die Jugendwarte und -betreuer sowie Kinder und Jugendliche entsprechend zu schulen.

Die Informationen und die aufgezeigten Zahlen waren für die Mitglieder des Sozialausschusses ebenso wertvoll wie schockierend. Die Arbeit des Kinderschutzzentrums bezeichnete Ratsfrau Karin Süfke (SPD) als "eine ganz wichtige und sinnvolle Sache". Andererseits stimmten sie die hohen Fallzahlen aber auch traurig, insbesondere die genannten 102 Fälle von sexualisierter Gewalt.

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