zur Navigation springen

Trauergruppe für Kinder : „Kinder trauern anders“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Sandra van Lengen leitet in Itzehoe eine Trauergruppe für Fünf- bis Achtjährige – und hat schon viel von den jungen Teilnehmern gelernt.

Seit gut zwei Jahren bietet die Diakonie-Trauerbegleitung „Monjala“ eine Trauergruppe für Kinder an. Fünf- bis Achtjährige, die einen nahen Verwandten oder einen Freund verloren haben, können spielerisch über ihre Trauer ins Gespräch kommen. Fünf bis sechs Kinder treffen sich regelmäßig. Sozialpädagogin Sandra van Lengen, die die Gruppe gemeinsam mit ihrer Kollegin Karina Brandenburg leitet, spricht im Interview über ihre Erfahrungen.

Frau van Lengen, seit gut zwei Jahren leiten Sie eine Trauergruppe für Fünf- bis Achtjährige. Warum braucht es eine eigene Gruppe für Kinder?

Kinder trauern anders als Erwachsene. Sie springen eher in Pfützen der Trauer, während wir Erwachsenen in einem See der Trauer schwimmen, bei dem kein Ende in Sicht ist. Kinder springen da mal rein, dann springen sie wieder raus und meistern ihr Leben, als wäre nichts gewesen. Dann kommt die nächste Pfütze, in der sie tieftraurig, sehr wütend und ganz sprachlos sind. Das sind manchmal nur Minuten. Es wäre gut, wenn wir Erwachsenen diese Minuten nutzen und direkt reagieren.

Was sind denn angemessene Wege für Eltern, um auf die Trauer ihrer Kinder zu reagieren?

Oft ist körperliche Nähe für Kinder gut. Außerdem sollten Eltern die Trauer zur Sprache bringen. „Mensch, du bist traurig, weil dein Bruder gestorben ist“ oder „Es macht dich sprachlos, dass deine Mama tot ist“. So merken die Kinder, dass die Erwachsenen den Tod auch nach Jahren noch nicht vergessen haben. Es ist wichtig, die Worte „tot“ und „gestorben“ klar auszusprechen. Umschreibungen wie „Papa ist eingeschlafen“ sind für Kinder nicht zu verstehen. Wir müssen ihnen klar sagen: „Papa ist tot.“

Ist es ein häufiges Problem, dass Eltern sich nicht trauen, über Tod und Trauer zu reden?

Ja, das kommt immer wieder mal vor. Natürlich sind Eltern da ganz unterschiedlich, aber der Tod ist häufig noch ein Tabu-Thema. Viele möchten ihre Kinder schützen, indem sie die Probleme von ihnen fernhalten. Aber sie verlieren das Vertrauen in Erwachsene, wenn wir ihnen nicht auch in schweren Zeiten ehrlich begegnen können. Es wäre toll, wenn wir Kinder bei diesem Thema mit ins Boot holen und sie kindgerecht begleiten.

Was machen Sie mit den Kindern in der Trauergruppe?

Zu Beginn eines jeden Treffens entzünden die Kinder eine Kerze für ihr eigenes Leben, das weitergeht. In einer zweiten Runde zünden sie dann jeweils ein Licht für die Verstorbenen an. Wer will, darf sagen, für wen er das Licht anzündet. Wem es zu schwer fällt, den Namen auszusprechen, der zündet nur die Kerze an. Anschließend dürfen die Kinder aus verschiedenen Fisch-Motiven einen Fisch aussuchen, der so aussieht, wie sie sich fühlen. Und wir singen ein wildes Lied über Gefühle.

Gibt es neben dieser festen Zeremonie auch wechselnde Aktivitäten?

Ja, wir gestalten ganz viel. Zum Ewigkeitssonntag haben wir Grablichter bemalt, im Sommer haben wir Erinnerungsbilder an den letzten Urlaub mit den Verstorbenen mit Sand und Muscheln gebastelt, manchmal lesen wir Bilderbücher. Jetzt in der Adventszeit backen wir gemeinsam Plätzchen.

Können wir Erwachsene von den Kindern etwas lernen in Sachen Umgang mit Trauer?

Auf jeden Fall. Was ich bei Kindern wirklich toll finde, ist, dass sie diese Pausen von der Trauer machen. Auch uns Erwachsenen täte eine Pause vom Trauern manchmal sehr gut, in der wir einfach glücklich und unbefangen sein können. Generell sind Kinder sehr unbefangen und holen die Trauer auf eine ganz angenehme Weise herein in den Alltag.

Haben Sie in Ihrer zweijährigen Arbeit mit den Kindern auch etwas gelernt?

Ja, einiges. Eine wichtige Erkenntnis war zum Beispiel, dass Kinder auch bei Trauerfeiern bedacht werden möchten. Einige Kinder fragten mich in der Trauerbegleitung: „Warum hat Mama so viele Karten bekommen? Ich habe nicht eine einzige erhalten. Und Geschenke hat sie auch noch gekriegt.“ Es wäre toll, wenn wir auch den Kindern, deren Angehörige gestorben sind, eine Karte schreiben würden oder ein kleines Geschenk überreichen. Viele Worte sind nicht nötig. Es reicht ein „Ich weiß, dass Papa tot ist. Ich denk an dich.“


>Die Trauergruppe für Kinder im Alter von fünf bis acht Jahren trifft sich alle zwei Wochen dienstags im alten Pastorat bei der evangelischen Kirche St. Ansgar, Wilhelmstraße 4. Die Treffen dauern von 15 bis 16.30 Uhr. Eine weitere Gruppe für Kinder von acht bis elf Jahren trifft sich alle zwei Wochen donnerstags in Elmshorn. Darüber hinaus bietet die Diakonie auch Einzel- und Familienbegleitung an. Weitere Informationen unter 04821/4030249 oder auf Facebook.

Karte
zur Startseite

von
erstellt am 13.Dez.2016 | 05:15 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen