DIenstagsinterview mit Susanne Lindemann : „Kinder sind heute viel freier“

Freut sich auf den Wechsel in einen neuen Lebensabschnitt: die langjährige Kita-Chefin Susanne Lindemann.
Freut sich auf den Wechsel in einen neuen Lebensabschnitt: die langjährige Kita-Chefin Susanne Lindemann.

38 Jahre lang leitete Susanne Lindemann die Kita „Schwalbennest“ in Wilster. Jetzt geht sie in den Ruhestand.

Avatar_shz von
05. November 2018, 00:00 Uhr

Das dürfte eine in der Region seltene berufliche Karriere gewesen sein: Nach mehr als 38 Jahren als Leiterin im Wilsteraner Kindergarten „Schwalbennest“ geht Susanne Lindemann jetzt in den Ruhestand. Mit der 63-Jährigen sprach unser Redakteur Volker Mehmel über die Veränderungen bei der Arbeit mit Kindern und über die besonderen Herausforderungen in der Erziehung.

Frau Lindemann, können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag erinnern?
Da wurde ich vom stellvertretenden Bürgermeister Gerhard Sakowski und Personalchef Harald Bürger in mein Amt eingeführt. Maren Paulsen, Christa Kock, eine Vorpraktikantin und ich betreuten insgesamt 45 Kinder in drei Gruppen in den Räumen einer Stadtvilla in der Rathausstraße: die „Küken“, die „Hasen“ und als Vorschulkinder die „Füchse“.

War Kindergärtnerin eigentlich Ihr Traumberuf?
Mein Traum war es Stewardess zu werden. Ich bin mit sechs Geschwistern aufgewachsen, deshalb konnten meine Eltern die Ausbildung nicht bezahlen. Um überhaupt Taschengeld zu haben, betreute ich in der Nachbarschaft Kinder und merkte, dass es mir Spaß macht. So wurde ich Erzieherin.

Und, haben Sie es jemals bereut?
In keinster Weise! Kinder zeigen uns durch ihr Verhalten, was sie gut finden und wo ihr Bedarf ist.

Die Arbeit im Kindergarten hat sich in den fast 40 Jahren Ihrer Tätigkeit stark verändert. Wie kann man sich Ihre beruflichen Anfangsjahre vorstellen?
Als Berufsanfängerin habe ich erst einmal Erfahrungen sammeln müssen. Insbesondere musste ich lernen, Grenzen zu stecken. Ich war damals ja gerade Anfang 20.

Und heute: Wo liegen die größten Veränderungen?
Kinder sind – und das ist auch gut so – viel freier geworden. Sie haben viele Rechte, dürfen mitbestimmen und partizipieren. Vor allem für den Kinderschutz ist viel auf den Weg gebracht worden. Was mir große Sorgen bereitet, ist der stetige Verlust an Grundwerten. Das soziale Verhalten, Egoismus, Respekt vor meinem Gegenüber, Toleranz der Andersartigkeit, Respekt vor dem Alter, auf etwas verzichten können. Kinder lernen dies nur durch Vorbilder, sie ahmen und leben es nach. Und wir als Erwachsene sollten uns immer wieder daran erinnern, dass wir diese Vorbilder sind.

Es heißt ja, dass Eltern die Erziehungsarbeit immer mehr den Kindergärten und dann den Schulen überlassen. Können Sie das nach Ihren Beobachtungen so bestätigen?
Die Mütter und Väter tragen die weitaus größere Verantwortung. Aber eine Verunsicherung ist da. Kinder sollten, mit all ihren Stärken und Schwächen, Zeit haben dürfen sich zu entwickeln und selbst Erfahrungen sammeln, wie die Welt, die Natur funktioniert. Und selbst erleben, dass es nicht angenehm ist, eine Brennnessel anzufassen, ohne dass der Erziehende es davor warnt. Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder. Sie sollten ihnen aber nicht zu viel abnehmen.

Kinder des Jahres 1980 sind sicher anders als die Kinder von heute. Wo liegen nach Ihrer Einschätzung die größten Unterschiede ?
Auffällig sind die Veränderungen beim Sprachverhalten. Viele brauchen unterstützende Maßnahmen wie Logopädie oder spezielle präventive Sprachförderung. Ebenso haben Defizite in der Bewegung, bei der Grob- und Feinmotorik zugenommen.

In Ihren Anfangsjahren gab es das Thema Migration noch nicht. Wo liegen hier in der täglichen Arbeit die besonderen Herausforderungen?
Die größte Herausforderung ist die Sprache. Während die Kinder sie sehr schnell lernen, dauert es bei den Eltern zum Teil sehr viel länger.

Personal für Kindertagesstätten wird fast überall händeringend gesucht. Können Sie den Beruf nach Ihren langjährigen Erfahrungen weiter empfehlen?
Wenn sich jemand für diesen Beruf entscheidet, dann macht er oder sie es, weil das Arbeiten mit Kindern Spaß macht. Ich glaube aber, dass die Rahmenbedingungen überdacht werden müssen, da immer mehr pädagogische Fachkräfte ausgebrannt sind. Außerdem werden sie zu gering bezahlt.

Und was sollten Berufsanfänger unbedingt mitbringen?
Die Grundhaltung muss stimmen. Man muss Empathie für den Umgang mit Menschen, besonders für Kinder, haben. Und Geduld, um sie Kind sein lassen zu können.

Und wie könnte man den Beruf attraktiver gestalten?
Schon während der Ausbildung sollte es eine Vergütung geben, so wie in Bremen. Beim dualen System dort arbeiten Auszubildende neben der Fachschule in den Kitas und bekommen ein Gehalt.

Sie sind ein ganzes Berufsleben lang immer von kleinen Kindern umgeben gewesen. Werden die Ihnen nicht ein bisschen fehlen?
Sicherlich werde ich die Kinder vermissen, aber nicht nur sie, sondern das gesamte Team, die Gespräche, den Austausch.
Rein rechnerisch haben Sie ja das Aufwachsen der halben Stadt hautnah miterlebt. Kann man da eigentlich noch unerkannt durch die Straßen laufen?
Als Leiterin habe ich alle Kinder wahrgenommen und kennen gelernt und kann fast alle mit Namen ansprechen. Wichtigste Bezugspersonen sind aber die Fachkräfte in den Gruppen, die sehr gute Arbeit leisten. Klar ruft mal ein Kind: Hallo Frau Lindemann! Desöfteren treffe ich auch ehemalige Mütter und Väter mit ihren Kindern, höre ihre Geschichten, wo sie wohnen, und über ihren Werdegang. Ich freue mich, wenn sie sich gerne an ihre Kita-Zeit erinnern.

Zum Schluss noch die klassische Frage an künftige Rentner: Was machen Sie jetzt mit der vielen freien Zeit?
Das nächste Jahr ist erst einmal Entschleunigung angesagt. Und ich freue mich darauf, mehr von meinen drei Enkelkindern zu haben. Eine To-Do-Liste ist schon geschrieben. Auch werde ich mir noch eine Aufgabe suchen. Langeweile kommt bestimmt nicht auf.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen