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Kinder der Kriegskinder – wie Leser zu Betroffenen werden

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

shz.de von
erstellt am 21.Mär.2016 | 10:11 Uhr

„Ich bin der Klassiker aus dem Buch“, bekannte Karin Dietrich-Olsen, als sie die Hamburger Autorin Anne-Ev Ustorf im Spiegelsaal des Neuen Rathauses vorstellte. Eigentlich habe sie das Thema Nationalsozialismus bei ihrer privaten Lektüre lange nicht mehr interessiert, zu intensiv hatte sie sich zu Schulzeiten damit beschäftigen müssen. Doch als sie zufällig auf das 2008 erschienene Sachbuch „Wir Kinder der Kriegskinder“ stieß, habe sie sich überrascht als Betroffene wiedergefunden. Betroffen durch meist versteckte Emotionen und Erfahrungen, die die in den letzten Kriegsjahren geborenen Eltern oft unbewusst an ihre Kinder weitergegeben haben. „Mein Vorratskeller ist immer prall gefüllt. Meiner Mutter konnte ich es nie recht machen“, sieht sich die 54-jährige Rechtsanwältin, die in Itzehoe eine Kanzlei führt und mit ihrer Familie in Wilster lebt, heute noch mit der Aufarbeitung der Ängste und der Leistungsanforderungen ihrer Mutter konfrontiert. Sie steht somit „im Schatten des Zweiten Weltkriegs“, wie Ustorfs Untertitel heißt.

Aber Karin Dietrich-Olsen hat auch festgestellt, dass sie ihre Eltern nun besser verstehen kann: „Sie konnten nicht anders. Heute haben wir die Chance, uns in den Familien mit diesen Spuren auseinander zu setzen.“ Dazu wollte die stellvertretende Vorsitzende auch die Buchvorstellung bei Leselust nutzen und stieß bei der mit 85 Teilnehmern ausgebuchten Lesung auf starke Resonanz beim Publikum.

Die Pausen und Signierzeiten wurden zum regen Austausch untereinander und mit der Autorin genutzt. Alle fanden sich in Ustorfs Schilderungen wieder, die sich auf die Kinder der Jahrgänge 1928 bis ’46 beziehen. Besonders Eltern, die in den letzten Kriegsjahren geboren wurden, diese Zeit nicht bewusst miterlebten und „zur Schonung“ auch nicht viel erzählt bekamen, hätten viele unterbewusste Traumata und Verlustängste durch eigene emotionale Entbehrungen an ihre Kinder weitergegeben, führte Ustorf (Jahrgang 74) aus. Die Journalistin, die Geschichte studiert hat und sich mit psychologischen Themen befasst, kam durch die eigene Krise, Alpträume und eine Psychoanalyse zum Thema, das sie in ihrem Buch auch statistisch sowie wissenschaftlich darlegt und mit vielen Beispielen Betroffener veranschaulicht. Ustorf: „Mütter konnten ihre Kinder oft äußerlich schützen, aber nicht seelisch.“ „Viele Flüchtlingskinder sind sehr ruhelos, suchen nach Stabilität“, erläuterte Ustorf. Auch Zuhörer berichteten offen von Eltern, die sie nie umarmt haben oder nicht über Gefühle sprechen konnten. Dazu Karin Dietrich-Olsen: „Wir können nun selbst Stopp sagen und unsere Kinder davor bewahren.“


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