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Diebstahlserie : Kiffen sich Unbekannte durch die Vorgärten ?

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mysteriöse Hortensien-Diebe schlagen in mehreren Steinburger Gemeinden zu. Krempe, Süderau, Krempdorf, St. Margerethen - überall schlagen Gartenbesitzer Alarm. Wird die Zierpflanze zu einer Ersatzdroge verarbeitet?

shz.de von
erstellt am 11.Jan.2014 | 08:00 Uhr

Was im Sommer seine ganze Blütenpracht entfaltet, kommt in vielen Gärten jetzt abgeschnitten, verstümmelt oder sogar ganz herausgerissen daher. Immer öfter melden Gartenfreunde, dass sich Unbekannte über ihre Hortensien hergemacht haben. Jüngste Meldungen kommen aus Süderau, Krempe und Krempdorf sowie St. Margarethen. Allerdings scheint auch das nur die Spitze eines mysteriösen Eisbergs zu sein. Oft ärgern sich Gartenbesitzer zwar, laufen mit der Diebstahlmeldung aber nicht zur Polizei.

Eine der Betroffenen ist Rosemarie Luth. Die Kremperin hegt und pflegt einen kleinen Ziergarten in einem von der vielfrequentierten Breiten Straße aus gar nicht einsehbaren Hinterhof. „Die Diebe kommen immer im November. Und das geht seit vier Jahren so“, klagt sie und zeigt auf die spärlichen Überreste ihrer Hortensien-Büsche. Auch von betroffenen Grundstücken im Bürgermeister-Ruhe-Weg und in der Stettiner Straße weiß sie zu berichten. „Und aus einem Garten in Krempdorf hat man sogar den ganzen Busch herausgerissen.“

Die Motivation für die Diebstähle waren nicht nur ihr zunächst ein Rätsel – bis sie von der Möglichkeit erfuhr, dass die beliebte Zierpflanze auch als eine Art Ersatzdroge eingesetzt werden könne. Ziehen also Kiffer durch die Vorgärten in der Region ? Dann müsste das Thema in der Szene breiter gestreut sein, als man annehmen könnte.

Einer der wenigen Diebstähle, die am Ende auch tatsächlich bei der Polizei aktenkundig geworden sind, datiert von Mitte Dezember vergangenen Jahres. Unbekannte hatten sich in Süderau an einem Wochenende in der Straße Achtern Riep auf zwei Grundstücken zu schaffen gemacht. In beiden Fällen stahlen die Täter aus mehreren Hortensien-Büschen Zweige, die sie teilweise bis auf die Wurzeln niederschnitten. Der Sachschaden bewegt sich laut Polizeibericht im dreistelligen Bereich.

Aus der Wilstermarsch werden ebenfalls Diebstähle gemeldet. In St. Margarethen wurden gleich in mehreren Gärten die jungen Triebe der Hortensien von den Dieben abgeschnitten, teilweise die Pflanzen auch ganz ausgebuddelt. In Alarmstimmung sind auch Gartenfreunde nur wenige Kilometer jenseits der Steinburger Kreisgrenze. Aus dem Raum Barmstedt klagten kurz vor Weihnachten Gartenfreunde über regelrechte Beutezüge von Pflanzendieben. Inzwischen werden dort in Gärten schon Warnschilder aufgestellt: „Vorsicht, wachsamer Nachbar!“

Aus Sicht der Polizei sind die Fälle „ein immer mal wieder auftauchendes Phänomen“, so Sandra Barenscheer, Sprecherin der Polizeidirektion Bad Segeberg. „Manchmal kommt das gehäuft vor, dann ist monatelang Ruhe.“ Das hartnäckige Gerücht, dass die getrockneten Blüten als Rauschmittel geraucht werden, wollte sie nicht bestätigen. „Uns liegen darüber keine Erkenntnisse vor.“ Auch ihr Itzehoer Kollege Hermann Schwichtenberg äußert sich zurückhaltend über eine eher ungewöhnliche Beschaffungskriminalität. Auf seine hausinterne Nachfrage bei den Experten im Drogendezernat hin bestätigte er zwar, dass eine Nutzung von Pflanzenteilen als Rauschmittel möglich sei. Als tatsächliches Delikt sei das aber nicht bekannt. Die Polizei rät aber grundsätzlich dazu, Diebstähle anzuzeigen. Nur dann könne auch eine Strafverfolgung stattfinden. Immerhin gehe es um Diebstahl und um Hausfriedensbruch. Die Aussichten, Täter zu erwischen, werden aber auch von Ordnungshütern als eher gering eingestuft.

Das Thema ist übrigens ein echter Dauerbrenner: Schon vor zehn Jahren schlugen Gartenfreunde in Kellinghusen Alarm. Dort waren in großem Stil Hortensien aus Gärten gestohlen worden. Damals waren Drogen noch kein Thema, vermutet wurde eine Art „Pflanzen-Mafia“, die sich auf Geschäfte der besonderen Art spezialisiert hat. Seitdem tauchen immer wieder und überall Meldungen über gestohlene Hortensien auf. Und das nicht nur im Norden. In Bayern hat sich sogar schon die Politik mit dem Thema befasst. Die dortigen Piraten warfen zuletzt die Frage nach legalen Alternativen in der Auswahl der Rauschmittel auf. Dann müsse auch niemand mehr auf Hortensien zurückgreifen. Tenor: „Wer will schon uncoole Blumen rauchen, wenn er ganz normal kiffen kann.“

Dabei ist der Nutzwert von Hortensien als Ersatzdroge wissenschaftlich wohl eher umstritten. Laut Internet-Plattform Wikipedia seien keine psychoaktiven Substanzen der Pflanze bekannt, die eine cannabisartige Wirkung erzeugen könnten. Vermutet wird eher eine Art Placebo-Effekt – oder gar eine Zellvergiftung. Tatsächlich entstünde beim Rauchen hochgiftige Blausäure, die zu Vergiftungen, zur Blockierung der Atmungskette sowie zur Zerstörung des zentralen Nervensystems bis hin zum Tode führen könne.

Wenn das als Abschreckung nicht reicht: Die Kremperin Rosemarie Luth hätte noch ein Hausrezept. Sie überlegt, ihre Hortensien mit grüner Seife zu behandeln. „Wenn die das dann rauchen, kriegen sie vielleicht ja einen ordentlichen Durchfall.“

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