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Flüchtlinge : Kiel zahlt nicht mehr – Bürgermeister geschockt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Flüchtlinge schildern im Heider Rathaus ihre Probleme mit der Finanzierung von Sprachkurse und ihren Kampf mit den Behörden

shz.de von
erstellt am 24.Feb.2015 | 16:01 Uhr

Es schien eine nette Runde zu werden, als Heides Bürgermeister Ulf Stecher die Mitglieder des aktuellen Integrationskurses der Volkshochschule im Rathaus empfing. „Das sind alles Menschen, die hier ihre Zukunft sehen.“ Sie kommen aus den Kriegsgebieten, aber auch aus EU-Ländern wie Bulgarien und Rumänien, brachten selbstgebackenen Kuchen mit, erzählten in einem gut verständlichen Deutsch aus ihrem Leben und fragten den Verwaltungschef, was seine Aufgaben sind. Doch kaum waren sie mit dem Bürgermeister „warm“ geworden, trauten sie sich, auch ihre Probleme anzusprechen.

So fragte Baban Jalal Madi (28), warum es bei der Ausländerbehörde, dem Job-Center oder dem Rathaus keine Mitarbeiter gibt, die die Sprache der Flüchtlinge verstehen. Durch das Nichtverstehen komme es zu Agressionen, meinte Baban. „Meine Idee wäre, dass es in den Behörden auch einige Dolmetscher arbeiten.“ Bürgermeister sieht dies Problem, doch gab er zu bedenken: „Es sind einfach zu viele Sprachen und wir haben nicht immer den richtigen Dolmetscher parat. Aber es gibt Bemühungen, in Dithmarschen einen Pool von Dolmetschern aufzubauen.“

Kritisiert wurde vom Verwaltungschef, dass die zentrale Aufnahmestelle in Neumünster die Stadt rechtzeitig darüber informiert, welche Sprache die Flüchtlinge sprechen, die Heide zugewiesen werden. Baban betonte, dass die meisten Flüchtlinge derzeit aus Syrien und Afghanistan kommen, es also vor allem um die arabische und kurdische Sprache gehe. Grundsätzlich meinte der junge Iraker, dass zu wenig Ausländer in den deutschen Behörden beschäftigt seien. Dies wollte Stecher zu nicht stehen lassen und berichtete von einer jungen Weißrussin, die in der Heider Stadtverwaltung ihre Ausbildung absolvierte und „den besten Abschluss machte, den wir je gehabt haben“. Nachgefragt wurde in der Runde, wann und wie deutschen Behörden die Ausbildungen des Heimatlandes anerkennen. Anne Krauß von der Volkshochschule berichtete, dass das Diplom zunächst von einem vereidigten Übersetzer ins Deutsche gebracht werden müsse, was Kosten verursache. Danach müsse ein Antrag mit dem übersetzten Diplom ans Kieler Bildungsministerium geschickt werden, was wieder etwas koste – „Und zwar etwa 500 Euro.“ Unverständnis machte sich breit. Als der Allgemeinmediziner Dr. Mohammad Ehsun aus Afghanistan dann berichtete, dass er aus Kiel die Antwort erhielt, er solle sich erst eine Stelle suchen und erst danach erhalte er seine Unterlagen, die Klinik ihn aber ohne Unterlagen nicht mal ein Praktikum machen lassen wollte, da meinte Bürgermeister Stecher noch im milden Ton in Richtung Kiel: „Wir übertreiben es mit der Bürokratie manchmal, was zu solchen kuriosen Dingen führen kann.“

Als dann aber Anne Krauß berichtete, dass auf ihrer Warteliste 25 Flüchtlinge stehen, die unbedingt Deutsch lernen wollen, sie aber keinen neuen Sprachkursus anbieten könne, reagierte Stecher fassungslos. „Ich höre das zum ersten Mal, das schockt mich.“ Hintergrund: Im ganzen Land hatten die Volkshochschulen über das Projekt „Starterpaket für Flüchtlinge“ (Staff) Deutschkurse für die Menschen aus den Kriegsgebiete angeboten, finanziert vom Land. In Heide liefen zwei Kurse mit Erfolg. Doch hat das Land die Finanzierung eingestellt. Stecher will nun beim Land nachhaken. „Wie sollen sich die Flüchtlinge integrieren, wenn ihnen die Chance genommen wird, unsere Sprache zu lernen?“

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