Arbeitsmarkt in Itzehoe : Keine Lust auf Ruhestand

„Ich fühl´ mich noch fit“: Karin Steller mit ihrem zum Abschied geschmückten Dienstwagen. Die 75-Jährige hätte gern noch weiter gearbeitet. Aus Versicherungsgründen schickte der Arbeiter-Samariter-Bund sie in den Ruhestand.
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„Ich fühl´ mich noch fit“: Karin Steller mit ihrem zum Abschied geschmückten Dienstwagen. Die 75-Jährige hätte gern noch weiter gearbeitet. Aus Versicherungsgründen schickte der Arbeiter-Samariter-Bund sie in den Ruhestand.

Zwei Itzehoerinnen arbeiten weit über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus – wie immer mehr Menschen in der Region.

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07. August 2018, 05:00 Uhr

Ein buntgeschmückter Arbeitsplatz am letzten Tag, dazu ein Frühstück mit den Kollegen und viele gute Wünsche. Karin Steller wurde beim Menu-Service des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) wie viele andere Arbeitnehmer in den Ruhestand verabschiedet. Doch für gewöhnlich sind die Kollegen 65 Jahre alt. Steller ist aber 75. Und wäre es nach ihr gegangen, hätte sie noch länger gearbeitet. Die Itzehoerin ist kein Einzelfall – sie gehörte bis zum 1. August zu den über 2000 Arbeitnehmern im Kreis Steinburg, die über das gesetzliche Renteneintrittsalter hinaus arbeiten (siehe Grafik).

23 Jahre lang hat Steller für den ASB „Essen auf Rädern“ ausgeliefert. „Sehr viel Spaß“ habe ihr diese Arbeit immer gemacht, sagt die 75-Jährige. Mit 65 aufzuhören, sei für sie nicht in Frage gekommen. „Damals ging es mir nicht so gut und die Arbeit hat mir unheimlich geholfen.“ Ihre feste Tour „über die Dörfer“ und die Kunden, die sie immer wieder traf, seien ihr ans Herz gewachsen. „Bei Karin hieß es nicht nur einfach ‚Essen abgegeben und weg‘. Sie hatte auch immer ein Ohr für die Menschen“, sagt ihre Chefin Gesche von Borstel. „Und sie spricht platt – das kam immer gut an.“ Aufhören muss Steller nun aus Versicherungsgründen, die dem ASB eine Obergrenze für Berufskraftfahrer auferlegen.

Ute Reichert denkt dagegen noch gar nicht ans Aufhören. Jeden Tag steht die Itzehoerin in der Textilreinigung Bioclean am Sandberg hinter dem Tresen. Dabei ist Reichert bereits 78 Jahre alt. „Mir geht es gut“, sagt sie. Ihre Ärztin habe ihr „Ok“ gegeben und solange sich das nicht ändert, „lasse ich doch meine Kunden nicht im Stich“, sagt Reichert. Sie liebe den Kontakt zu den Menschen – das sei der Hauptgrund, warum sie noch arbeite. „Mit hängendem Kopf würde ich mich nicht jeden Tag hinschleppen.“ Aber auch das Finanzielle spiele eine Rolle. Sie habe zwei Kinder großgezogen und daher in jungen Jahren nicht so viel für die Rente einzahlen können, sagt Reichert. Es würde „gerade so reichen“, aber „man kann sich dann nichts leisten“.

Mehr als verdoppelt hat sich die Erwerbstätigen-Quote bei den 65- bis 69-Jährigen laut dem statistischen Bundesamt deutschlandweit in den vergangenen zehn Jahren – von 6,6 auf über 15 Prozent. Im Kreis Steinburg ist die Zahl von 1626 im Jahr 2010 auf 2146 in 2017 gestiegen, teilt die Bundesagentur für Arbeit mit. Knapp 400 Menschen sind dabei in regulären Beschäftigungsverhältnissen, knapp 1800 arbeiten in so genannten Mini-Jobs. Hinzu kommen noch Selbstständige, deren Zahlen nicht zentral erfasst werden. Die Arbeitsverhältnisse verteilen sich über viele Branchen. Besonders beliebte Jobs für ältere Arbeitnehmer gibt es offenbar nicht.

Karin Steller will sich übrigens vorerst keine neue Arbeit suchen, obwohl ihr der Ruhestand eigentlich zu früh kam. Sie will die neugewonnene Zeit für Besuche bei Familie und Freunden nutzen. Und ihrer großen Leidenschaft nachgehen: Ausgedehnten Windsurfing-Touren in Dänemark mit dem eigenen Wohnmobil.

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