Kein Blick für das eigene Suff-Problem

Eigentlich „keinen Bock“ auf den Auftritt: Alkoholiker H. (David Kopp).
Eigentlich „keinen Bock“ auf den Auftritt: Alkoholiker H. (David Kopp).

shz.de von
23. Januar 2015, 05:00 Uhr

H. redet und redet. Da er über sein eigentliches Problem nicht sprechen will, weicht er aus und bringt es letztlich doch ganz deutlich zum Ausdruck: Er hatte nichts unter Kontrolle, schon gar nicht seinen Alkoholismus.

Das Mecklenburgische Landestheater Parchim thematisiert mit dem Jugendstück „Ich komma saufen“ von Holger Schober das Abwehrverhalten eigenen Schwierigkeiten gegenüber. David Kopp erzählte in der Rolle des H. in zwei Studio-Aufführungen im Theater Itzehoe von all seinen toten Freunden, die sich in der Selbstwahrnehmung und ihrer Gefährdung verschätzten.

Mittlerweile ist er zwar trocken, als Bewährungsauflage wird er an Schulen geschickt, um über Suchtgefahren aufzuklären. Aber was ihm eigentlich widerfahren ist, ist ihm immer noch nicht klar. Zwar stimmen die üblichen Klischees nicht: Er hatte eine glückliche Kindheit und war auf einer guten Schule. Dennoch fehlte ihm etwas: „Mittelmäßigkeit ist scheiße!“ Bei seinen Freunden hieß es: „Lieber cool und tot als uncool und lebendig“, doch das hat sich tragisch gegen sie verkehrt. Nach einem Suffunfall muss ein Freund nun uncool und lebendig im Rollstuhl aus der Schnabeltasse trinken. Koma statt Komasaufen. Ein anderer Freund starb durch den kalten Entzug. Alle Freunde sind nun – „so gut wie“ – tot. H. geht es gut, meint er jedenfalls. Zum Schluss prostet er dem Publikum mit fröhlich verzerrtem Gesicht zu: „Auf die Jungs, auf euch!“

David Kopp bezieht die jugendlichen Besucher als Stichwortgeber mit ein, hat es dennoch schwer, deren „Coolness“ zu durchbrechen. Zumindest in der großen Gruppe möchte keiner der extra aus Rendsburg und Neumünster angereisten Schüler im Anschluss an die provozierende Darbietung eine Frage stellen. „Das muss sich erst setzen“, vermuten die begleitenden Lehrer. Sie behandeln die Thematik derzeit im Unterricht und haben das Itzehoer Theaterangebot gern aufgegriffen, da ortsnah nichts angeboten werde. Da andere Kollegen das Stück vor einem Jahr bereits in Itzehoe gesehen und dafür geworben hatten, konnten sie es früh ins Projekt einplanen.

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