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Norddeutsche Rundschau

22. Oktober 2017 | 09:05 Uhr

Theater : Kaum Klatscher für Klamms Krieg

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Schauspieler Volker Wackermann spielt vor seinem jungen Publikum im Studio des Theaters einen verzweifelten Lehrer

Das war zu viel an Authentizität. Einem Lehrer (Volker Wackermann) Beifall zu zollen, der seine Klasse beschimpft, weil sie ihn mit Schweigen und Unruhe bestreikt, das ging gar nicht in die Köpfe des jugendlichen Publikums. Zu erstarrt von der Realitätsnähe des Stückes von Kai Hensel stellte diese Unfähigkeit zum Beifall, der lediglich in ein sporadisches Klatschen mündete, das höchste Lob für den Schauspieler bei seinem Auftritt mit „Klamms Krieg“ vor jugendlichem Publikum im Studio des Theaters dar.

Nicht nur die Kritik am Bildungssystem mit seinen Absurditäten wie etwa der Punktejagd um jeden Preis, nicht nur die verrückte Persönlichkeit dieses Lehrers, nein, vor allem die Waffen dieses Psycho-Kriegs treffen das Publikum. Natürlich ist die Darstellung der Lehrerfigur überzogen. Aber deren Einzelelemente sind realistisch: jenes lehrerhafte Anbiedern und Umschmeicheln, das dann urplötzlich in die Bedrohung umschwenkt, die noch durch abwertende Bemerkungen verschärft wird. Der Schauspieler verteilt Klausurzettel zu Goethes „Faust“, die er korrigiert, nicht ohne seine Schüler, das Publikum, durch spitzzüngige Gemeinheiten zu entwürdigen. Und nach diesen Zynismen umschalten und Beifall spenden?

Die Vorgeschichte ist leicht nachvollziehbar: Mit sechs Punkten in Deutsch hätte Sascha sein Abitur geschafft. Damit wollte Klamm ihn eigentlich auch zensieren. Aber als Sascha seinen Lehrer auf Knien bittet, ihm diese sechs Punkte, also ein voll ausreichend, zu geben, reduziert der Lehrer auf fünf Punkte. Folge: Sascha schafft sein Abitur nicht. Deswegen erhängt er sich auf dem Schulhof. Kollegen und Schüler geben dem Lehrer Klamm die Schuld. Dessen Deutsch-Leistungskurs erklärt ihm den Krieg, als Hauptwaffe kommt Schweigen zum Einsatz.

Hensels Stück, seit 2002 bundesweit gespielt, setzt nach dieser Vorgeschichte ein. Klamm betritt das Klassenzimmer und rechtfertigt sich, wobei er sich in immer tiefer gehende Widersprüche verstrickt. Zum Schluss zieht er die Konsequenz und erschießt sich.

„Klamms Krieg“ überzeugt als Stück, weil es ein Schlaglicht auf das subtile Gewaltpotential unseres Schulsystems wirft. Es überzeugt in der Inszenierung, die folgerichtig entwickelt, wie Klamm die Kontrolle über sich verliert, je mehr er sich bemüht, die Kontrolle über seine streikende Klasse zurückzugewinnen. Und der Schauspieler überzeugt, weil er in einer gelungenen Psychostudie die Zerrissenheit dieses hoch gebildeten, aber überfrustierten Idealisten zeigt, der sich nur noch in Sarkasmus, Alkohol und schließlich seinen Selbstmord flüchten kann.

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