Denkmal : Kampfgenossen pflanzen Doppeleiche

Ruth Möller aus Glückstadt berichtet über das Denkmal „Doppeleiche“

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08. Juli 2014, 05:00 Uhr

Es war der fünfzigste Jahrestag der Schleswig-Holsteinischen Erhebung vom 24. März 1848. Ein magisches Datum. Überall im Lande wurde der Tag groß gefeiert. Die Liste der Schüler und Studenten, die am Aufstand teilgenommen hatten, stand groß in der „Glückstädter Fortuna“. Auch die Gründung des Primanervereins leitet sich von diesem Datum ab. Nach dem Gottesdienst in der Stadtkirche fand ein Festakt in den Anlagen statt: Zwischen Chorgesang, Festansprache, Rezitation und Hurra auf das Kaiserpaar pflanzten die ehemaligen Kampfgenossen die Doppeleiche und übergaben „das Kleinod der Stadt“. Zum Baum gehört ein halb liegender Steinquader mit der Inschrift „Up ewig ungedeelt 1848 – 1898“.

Es ist eine Passage aus dem Vertrag von Ripen (1460), den König Friedrich VII. brechen wollte, um Schleswig dem dänischen Gesamtstaat einzugliedern. Die Schleswig-Holsteiner aber wollten eher unter dem angestammten Augustenburger Herzog gemeinsam einen eigenen Kleinstaat bilden. Die Erhebung misslang, aber war ein Fanal für Freiheitsbestrebungen in ganz Europa. 1863 wurden die Herzogtümer Preußen einverleibt. Den Tag der Erhebung feierten Vereine, Clubs und Schulen an der Doppeleiche Jahr für Jahr bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Zum 75. Jahrestag 1915 wurden beim Festakt vier Hochbetagte als letzte noch lebende Kampfgenossen geehrt und mit ihrer Fahne an der Doppeleiche fotografiert, die Herren Minck, Mahn, Walsen und Sülau.

Zu sehen ist: Die beiden Stämme vereinigten sich etwa mannshoch über dem Boden. Baum und Stein waren innerhalb eines Weihewäldchens als Ensemble von einem schmiedeeisernen Gitter umfriedet, dessen Sockel im Boden noch sichtbar ist. Den Zaun haben SA-Leute 1937 abmontiert, um das Metall der Kriegsrüstung zuzuführen. An seiner Stelle wurde eine Hecke gepflanzt, die ebenfalls wieder verschwand. Wenn die umgebende Krautschicht höher wächst als der Stein, ist die Doppeleiche schlecht zu finden. Groß und mächtig ähnelt er anderen Baumriesen in seiner Umgebung. Sein Zweck als Symbol der Stammes-Zusammengehörigkeit hat er erfüllt. Ob Glückstädter Dänen oder Deutsche sein sollen, darüber muss keiner mehr nachdenken. Er steht allein, ohne Weihewald, den die Nachkrieg-Glückstädter in eisigen Nachkriegswintern verheizten. Der spitze Winkel zwischen beiden Stämmen bis zum so genannten Baumkuss ist zur kleinen, runden Höhlung verwachsen, die man in nur 30 beziehungsweise 80 Zentimeter Höhe über der Erde suchen muss. Mit dänischen und anderen Gästen gedenken wir hier der heftigen Emotionen früherer Glückstädter, die geglaubt hatten, Nachfahren mit Baum und Stein auf ihre politischen Nöte und Freuden aufmerksam machen zu müssen.

Bei unseren Vorfahren hatten Fahnen eine große Bedeutung. Gleich 1848 fertigte die Frau des zweiten Bürgermeisters, Madame Raben, zur Unterstützung der Revolution mit einem Kreis vaterländisch gesinnter Damen eine Trikolore in Schwarz-Rot-Gold für die neu gegründete Bürgerwehr an. Als die Bürgerwehr 1851 aufgelöst wurde, nahm Drogist Herminghausen, Ecke Große und Kleine Deichstraße, ein Verwandter Detlefsens, sich ihrer an und versteckte sie vor dänischen Razzien zertrennt in einem Sofakissen. Kaum hatte der letzte Däne die Stadt verlassen, da wehte sie zum Rathausfenster hinaus. Gymnasialdirektor Detlef Detlefsen hatte die Erhebung 1864 als Schüler fiebernd miterlebt. Gern nahm er „die Fahne der Achtundvierziger“ in sein Museum auf. Hier bewahrte Museumsleiter Konrektor Rößler sie 1933 vor dem Verbrennen durch fanatische Nazis.

Der Lionsclub hat sie um 1985 fachgerecht teuer restaurieren lassen. Bis zur letzten Neukonzeption des Detlefsenmuseums nach 2000 zeugte sie in einer Vitrine unter Klimaschutz vom Sinn der Glückstädter für sprechende Hinterlassenschaften aus der Stadtgeschichte in Erinnerung an „de letzten Veer“ und ihre „Kampfgenossen“.

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