zur Navigation springen

Wilsters Geschichte : Kampf gegen Sünden der Vergangenheit

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie Restaurator Jarek Kulicki dem Neuen Rathaus in Wilster wieder zu Glanz verhilft

shz.de von
erstellt am 07.Jan.2016 | 14:34 Uhr

Zu viel Sauberkeit ist auch nicht gut – jedenfalls nicht in einem historischen Gebäude. Mit leichtem Schaudern zeigt Jarek Kulicki auf einen kunstvoll gestalteten Rahmen eines alten Spiegels im Gartensaal. Der hauchdünne Blattgoldauftrag sei regelrecht weggeputzt worden. Inzwischen erstrahlt das gute Stück wieder in altem Glanz. Zu verdanken ist das dem Restaurator aus Lübeck. Noch bis Februar ist der 51-Jährige wieder regelmäßiger Gast in den 230 Jahre alten Räumen des Doos’schen Palais. Charlotte Doos hatte das spätbarocke Backsteingebäude nach ihrem Tod der Stadt vermacht, die es lange Jahre als Sitz von Verwaltung und Bürgermeister nutzte. Jetzt setzt Jarek Kulicki den Kampf gegen die Sünden und Versäumnisse der Vergangenheit fort. Da hatten Zeitgenossen auch schon mal historische Bilder durch das Motiv hindurch an die Wand genagelt. Immerhin stilecht – mit geschmiedeten Nägeln.

Der Gartensalon erstrahlt bereits in neuem (altem) Glanz. Jetzt hat sich Jarek Kulicki gleich nebenan einen früheren Wohnraum und den großzügig bemessenen Eingangsbereich vor dem Spiegelsaal im ersten Stock vorgenommen. Penibel kratzt er mit einem Skalpell die Rauhfasertapete von der Wandmalerei. „Hier waren damals echte Künstler am Werk“, freut sich der Restaurator über jedes zu Tage beförderte Original. „Das sieht man an der Pinselführung“, nötigt ihm die vor 230 Jahren geleistete Arbeit größten Respekt ab.

Und auch von der einstigen Hausherrin schwärmt er in höchsten Tönen: „Charlotte Doos hatte wirklich Geschmack. Sie hatte Verständnis für eine kunstvolle Raumgestaltung – und auch die Mittel dafür.“

Derweil rutscht Lara Beckmann auf den Knien im Treppenhaus herum. Die junge Praktikantin will Restauratorin werden und dazu in Hildesheim studieren. Ihre ersten beruflichen Sporen verdient sie sich in der Begleitung von Jarek Kulicki. Im Doos’schen Palais kratzt sie nun vorsichtig Farbe von den Bodendielen, um dem originalen Anstrich auf die Spur zu kommen. Dabei wird das heute Neue Rathaus genannte Gebäude nicht zwingend in seinen Ur-Zustand zurückversetzt. „Wir untersuchen erst einmal alles auf Befund“, sagt Jarek Kulicki. Entscheiden müssten am Ende der Denkmalpfleger und der Hausherr, also die Stadt Wilster. Bei der Farbgestaltung sieht er aber keinen großen Diskussionsbedarf. „Das gefällt uns auch heute noch.“ Die farbliche Rekonstruktion ist dann kein Problem mehr. Jarek Kulicki zückt eine Tabelle mit 1950 Farbtönen. Ein schwedischer Hersteller hat sich auf historische Ölfarben spezialisiert. Die Kunst besteht dann nur noch darin, geeignete zeitgenössische Handwerker zu finden. „Mit Ölfarben kann heute nicht mehr jeder Maler umgehen.“

Wenn also auch noch in den nächsten Wochen Licht in den historischen Räumen brennt, dann tagen hier keine unermüdlichen Kommunalpolitiker, sondern dann ist Jarek Kulicki wieder auf Spurensuche. Um in seine Arbeit noch ein bisschen mehr Abwechslung zu bekommen, bleibt das Neue Rathaus machmal aber auch dunkel. Dann arbeitet der Restaurator gerade in der Lübecker Katharinenkirche, wo er einen Parallelauftrag hat. Übrigens: Auch seine Ehefrau ist vom Fach und hat in Wilster schon ihre Spuren hinterlassen. Sie hat in ihrer Werkstatt die historischen Spiegel wieder instandgesetzt. Für alle Putzfrauen hat der Restaurator dann noch einen guten Rat: Das gute Stück sollte lediglich mit einer Straußenfeder von Staub befreit werden. Dann könnte das Blattgold noch ein viele Jahre länger halten.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen