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Norddeutsche Rundschau

15. Dezember 2017 | 21:14 Uhr

Gesellschaft : Kampf gegen das Trauma

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Thomas Stark (49) und Rüdiger Mengel (58) sind die am längsten amtierenden Betreuer nach belastenden Einsätzen bei der Polizei in Itzehoe.

shz.de von
erstellt am 02.Feb.2015 | 16:04 Uhr

Es kam ganz unvermittelt. Bei ihrem ersten gemeinsamen Einsatz vor über 17 Jahren sprechen Thomas Stark (49) und Rüdiger Mengel (58) gerade mit einem Polizisten, der bei einem Einsatz traumatisiert worden ist. Der Mann habe im Beisein eines Kollegen über seine Erlebnisse gesprochen – danach habe dieser scheinbar unbeteiligte Polizist ihn dann aber aufgehalten, sagt Mengel. „Plötzlich erzählt dieser ältere Kollege uns, dass sich 30 Jahre zuvor bei einer Festnahme ein Schuss aus seiner Waffe gelöst und einen Menschen getroffen hat – und dass er seitdem nicht mehr richtig schlafen kann.“

In diesem Moment merken Stark und Mengel, dass die Aufgabe, der sie sich gerade widmen, wichtig ist. „Damals hat der Vorgesetzte zu dem Kollegen nur gesagt: Schnapp’ Dir ’ne Flasche Schnaps, sauf’ das weg und komm’ morgen wieder. Doch das hat nicht geklappt. Aber der Kollege hatte niemanden mit dem er drüber reden konnte“, sagt Mengel.

Er und Thomas Stark sind mit drei weiteren Kollegen in der Polizeidirektion Itzehoe dafür da, damit das nicht wieder passiert. Notfalls helfen sie im ganzen Land. In Schleswig-Holstein gibt es ein gutes Dutzend Betreuer nach belastenden Einsätzen, wie die Beamten heißen. Bis zu 100 Fälle behandeln sie landesweit pro Jahr.

Stark und Mendel sind die Betreuer mit der längsten Erfahrung, sie sind von Anfang an dabei. Als vor fast 20 Jahren kurz nacheinander zwei Polizisten in Schleswig-Holstein im Einsatz erschossen werden, wird die neue Truppe geschaffen. Mengel meldet sich sofort, weil er mit einem der Opfer befreundet ist. Und auch Stark will helfen: „Eigentlich wollte ich Sozialpädagogik studieren – da war klar, dass mich auch so etwas interessiert.“ Die beiden bestehen den Test, bekommen genauso wie ihre Kollegen heute, eine mehrwöchige Ausbildung, werden von einer Diplom-Psychologin angeleitet. „Denn wir sind keine Psychologen, aber wir können niederschwellig ein Angebot bieten, was vielen Kollegen schon hilft, über Erlebnisse hinweg zu kommen, die sie allein nicht verarbeiten können“, sagt Stark. Dafür müsse man über Sozialkompetenz, Einfühlungsvermögen und Ansehen bei den Kollegen verfügen.

Geschaffen wurde die Gruppe auch, weil das Land Interesse daran hat, dass Polizisten einsatzfähig bleiben. Denn oft führe ein nicht bearbeitetes Trauma zu Suchtverhalten, sagt Stark. „Und es gibt auch Kollegen, die Selbstmordgedanken haben. Das ist dann der Moment, wo wir sie an Psychotherapeuten oder Ärzte verweisen.“

Haben Polizisten einen problematischen Einsatz, werden die Betreuer aktiv oder sie werden von Kollegen gerufen. Beim Schusswaffeneinsatz werden sie etwa automatisch hinzu gezogen. Wie jemand einen belastenden Einsatz verarbeite, sei ganz unterschiedlich, sagt Stark. Eine Kollegin sei einmal an einem Unfall vorbeigefahren, sie war nicht im Einsatz, musste nicht mal helfen.

„Aber hinterher hat sie sehr viel geweint. In einem Gespräch habe ich erfahren, dass ihre beste Freundin kurz zuvor einen schweren Unfall hatte und im Krankenhaus liegt – das belastet natürlich auch. Und auch dafür sind wir da“, sagt Stark.

Zu Anfang seiner Karriere als Betreuer seien viele Kollegen von dem Konzept nicht überzeugt gewesen. „Da hieß es noch, der Polizist muss ein harter Kerl sein, der solche Einsätze wegsteckt“, sagt Mengel. „Doch das ist vorbei, auch weil sich die Gesellschaft geändert hat und es normaler ist, dass man sich bei psychischen Problemen Hilfe holt“, meint Stark und Mengel ergänzt: „Viele Kollegen wissen, dass es gut tut, über Probleme zu reden. Manche sagen: ,Ich weiß nicht, was Du gemacht hast, aber es hat geholfen.‘“ Er und sein Kollege bleiben hartnäckig, betreuen traumatisierte Polizisten nicht nur direkt nach dem Einsatz. „Und auch bei Leuten, die sich nicht helfen lassen wollen, bei denen wir aber glauben, dass sie Hilfe brauchen, haken wir nach.“ Allerdings werde niemand zu etwas gezwungen.

Am Ende zählt, dass die Polizisten ihr Leben weiterleben können – so wie der Kollege, der mit Stark und Mengel bei ihrem ersten gemeinsamen Einsatz sprach. „Der hat mich später angerufen und mir gesagt, dass er jetzt wieder schlafen kann“, sagt Mengel. „Davon zehre ich noch heute.“

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