Kalenderfoto weckt dunkle Erinnerungen

Der Anblick weckt dunkle Erinnerungen: Geschäftshaus von Wilhelm Lempfert um 1960. Foto: SH:Z
Der Anblick weckt dunkle Erinnerungen: Geschäftshaus von Wilhelm Lempfert um 1960. Foto: SH:Z

Irritationen vermeiden: Verein veröffentlicht Fotos für 2013 schon im Voraus

shz.de von
26. April 2012, 07:22 Uhr

KELLINGHUSEN | Alte Ansichten von Kellinghusen auf zwölf Kalenderblättern - daran haben ältere wie jüngere Stadtbewohner ihre Freude. Die Idee des Zeitmessers mit historischen Stadtansichten findet Anklang. Die Initiatoren vom Verein "Von Hand zu Hand" verbuchen reges Interesse bei der zweiten Ausgabe. "In vielen Kellinghusener Wohnungen und Büros hängt ein Kalender-Exemplar", sagt Helmut Priebe.

Nun wolle der Verein Ablichtungen für 2013 schon vorab präsentieren, um sie mit Hintergrundinformationen von Zeitzeugen zu ergänzen. "Die alten Abbildungen erzählen gute wie schlechte Geschichten", stellt der Vereinsvertreter fest.

An ein dunkles Kapitel der Stadtgeschichte erinnert das Kalenderbild für den Monat April. Es zeigt das Geschäftshaus von Wilhelm Lempfert in den frühen 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Manch Betrachter mag beim Anblick sogleich die typische Duftmischung der dort feilgebotenen Zigarren und Lederwaren in der Nase haben. Mit Kindheitsträumen verbunden ist zudem die Spielzeug- und Puppenauswahl im Geschäft in der Hauptstraße.

Bei dem Kellinghusener Heinz-Jürgen Heidemann löst das Foto Gedanken an die Schrecken des Nationalsozialismus aus. "Das Schaufenster hat bei Besuchen in Kellinghusen mein Interesse geweckt", erklärt er. Allerdings nicht wegen pädagogisch interessanter Artikel: "Es gab einen erheblichen Anteil an Kriegsspielzeug." Die Präsentation von Panzern, Soldaten und dergleichen sei in der Nachkriegszeit zwar nicht verboten gewesen. "Aber doch überraschend und für mich mit Ablehnung verbunden."

Erst später habe er erfahren, wer der Inhaber des Geschäfts war, so Heidemann. Als SA-Mann hatte Lempfert am 5. März 1933 den der kommunistischen Partei nahe stehenden Otto Fabian in der Feldstraße mit einem Schuss aus seiner Pistole tödlich verletzt. "Nachdem in der Nazi- Zeit das Verfahren zum Tötungsdelikt bereits am 21. März 1933 eingestellt wurde, war es Ende der 40er Jahre wieder aufgenommen worden. Als Haupttäter wurde Lempfert vom Schwurgericht des Landgerichts Itzehoe am 6. April 1949 wegen Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit fahrlässiger Tötung sowie ferner in Tateinheit mit einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt," zitiert Heidemann das Urteil. An das Naziopfer Otto Fabian erinnere heute ein Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus Feldstraße 42.

"Dieser Hintergrund war uns bei der Bildauswahl nicht bekannt", erklärt Priebe. Deshalb möchte er bei der Erstellung des nächsten Kalenders gerne mit Kellinghusenern zusammenarbeiten. Die Abbildungen für die Ausgabe 2013, deren Erlös wie immer dem Verein "Von Hand zu Hand" zufließen wird, können im Vorwege gesichtet und mit Geschichten versehen werden. "Wir hoffen, dass lustige Erzählungen von allgemeinem Interesse und Anekdoten den großen Teil ausmachen", sagt Priebe. Eine Veranstaltung zu dem Thema ist im Herbst geplant.

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