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Drei Tote auf Störbrücke : Jugendlicher nach Horror-Unfall vor Gericht

vom

Ein 18-jähriger Husumer muss sich vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Er soll im vergangenen Herbst einen Unfall verursacht haben, bei dem seine Mutter, Großmutter und sein kleiner Bruder ums Leben kamen.

shz.de von
erstellt am 22.Apr.2014 | 15:38 Uhr

Itzehoe | Was geschah beim Horror-Unfall mit drei Toten auf der Störbrücke? Ein junger Mann aus Husum muss sich am Dienstag vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Der Angeklagte schwieg bisher zu den Vorwürfen. Der 18-Jährige saß am Steuer, als das Fahrzeug in den Gegenverkehr krachte. Seine Mutter, Großmutter und sein kleiner Bruder kamen ums Leben. Bundesweit geriet der Unfall in die Schlagzeilen, weil die Großmutter zunächst für „klinisch tot“ erklärt und im Leichenwagen abtransportiert worden war. Erst später bemerkte der Bestatter, dass die 72-Jährige noch atmete, und sie kam auf eine Intensivstation. Dort starb die Frau zwei Tage nach dem Unfall.

Es war ein Unfall, der selbst erfahrene Rettungskräfte schockierte. Der voll besetzte Audi A4 Kombi geriet am Morgen des 2. September 2013, gegen 7.20 Uhr, auf der Störbrücke bei Itzehoe in den Gegenverkehr und stieß frontal mit einem anderen Auto zusammen. Der Unfall zerstörte eine ganze Familie: Drei Menschen starben, vier wurden schwer verletzt. Die armenische Familie aus Husum war auf dem Heimweg von einer Hochzeit, am Steuer saß der 18-jährige Sohn. Der Jugendliche wurde bei dem Crash lebensgefährlich verletzt.

Es sei unklar, warum der junge Mann auf die Gegenfahrbahn geraten sei, so Staatsanwalt Uwe Dreeßen. Auf dem Beifahrersitz sitzt die 72-jährige Großmutter des Fahrers, hinten seine Mutter (36) und seine vier Brüder (6 bis 12). Die 36-jährige Frau und der jüngste Sohn sterben am Unfallort, die Großmutter wird ebenfalls für tot erklärt, erst später sollte sich herausstellen, dass dies ein schwerer Fehler war.

Der Unfall gerät dadurch bundesweit in die Schlagzeilen. Grund ist die falsche Einschätzung einer Notärztin: Sie konnte am Unfallort keine Vitalfunktionen bei der Seniorin feststellen und erklärte die Schwerstverletzte fälschlich für „klinisch tot“. Doch dann geschieht, womit keiner gerechnet hatte: Im Fahrstuhl auf dem Weg in die Pathologie in Itzehoe bemerkte der Bestatter, dass die 72-Jährige noch lebte. Martin Krause, Inhaber des Itzehoer Bestattungsinstituts Alpen: „Als wir im Fahrstuhl in den Keller fuhren, bewegte sich das Tuch, mit dem die Dame zugedeckt war. Das war ein Schock.“ Sofort hätten er, sein Kollege sowie der Pathologie-Pfleger die Frau aufgedeckt. „Da haben wir gesehen, dass sie sich bewegte und atmete.“ Der Pfleger habe sofort einen Notarzt geholt, während die beiden Bestatter die Großmutter in die stabile Seitenlage gedreht hätten. Man habe sehen können, dass die Frau vom Notarzt behandelt worden war. „Es war ein EKG-Pflaster zu sehen, und sie war intubiert. So etwas habe ich in 25 Jahren als Bestatter noch nicht erlebt.“

Die Großmutter wurde von Itzehoe nach Heide gebracht und vier Stunden lang operiert. Dazu öffneten die Ärzte ihren Schädel, um Blutungen abzusaugen und den Druck der Schwellungen zu mindern. Am Tag darauf sei entschieden worden, auf eine weitere Operation zu verzichten, sagte Dr. Urs Nissen, Chefarzt der Neurochirurgie am Westküstenklinikum in Heide. Dies sei mit den Angehörigen abgestimmt worden. „Es gab keine Hoffnung mehr.“ Die Patientin starb gegen 23 Uhr.

Ärzte und Gutachter stellten sich nach dem Tod der 72-Jährigen die Frage, ob die Frau hätte gerettet werden können, wenn sie sofort in ein Krankenhaus gekommen wäre. Die verzögerte Behandlung sieht der Chefarzt aber nicht als Ursache für den Tod: „Die Stoßwelle des Unfalls hat zu tiefgreifenden Hirnschäden mit Quetschungen und Blutungen geführt, die nicht behandelbar und nicht überlebbar waren.“

Wie kam es zu dem fatalen Irrtum? Dr. Marko Fiege (45), ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes und Chefarzt der Anästhesiologie am Klinikum Itzehoe, betonte, dass die Ärzte keinen Fehler gemacht hätten. „In so einer Situation, wenn es viele Verletzte gibt, muss man abwägen, wer wie behandelt wird“, sagte er. Die Seniorin sei mehrfach begutachtet worden. „Neben den am Unfallort nicht messbaren Vitalfunktionen war auch ihr Verletzungsbild so gravierend, dass eine Reanimation gar nicht erst versucht worden ist.“ Für die Diagnose „klinisch tot“ erfolge eine umfassende klinische Einschätzung, wobei neben dem EKG auch Blutdruck, Puls, Atmung und die jeweiligen Verletzungen einflössen, betont Arzt Marko Fiege. „Die Frau muss noch Eigenatmung gehabt haben, nur wurde sie offenbar am Unfallort nicht wahrgenommen.“

Somit sei die Entscheidung der Notärzte richtig gewesen: „Es wurden die anderen Schwerverletzten und die Kinder versorgt.“  An der Unglücksstelle herrschte große Hektik, Personen waren eingeklemmt, Kinder weinten und schrien. „Der Auftrag lautete: Rette, was zu retten ist“, erklärt Fiege. „Für alle war es ein gruseliger Tag. Darüber wird vergessen, dass die Versorgung der übrigen Patienten extrem gut geklappt hat.“

„Bundesweit ist der tragische Fall  meines Wissens der erste dieser Art“, sagt Christian Mandel, Sprecher der Rettungsdienstes Kooperation in Schleswig-Holstein und 20 Jahre lang selber im Rettungsdienst tätig. Er verwies auf das Dilemma, in das die ersten Helfer bei unerwartet großen Unfällen kommen können: „Dann gibt es mehr Verletzte als Hände, die behandeln können.“ Die Helfer fordern Verstärkung an und kümmern sich um die Unfallopfer.

Die Trauerfeier für die Toten sorgte abermals für Aufsehen, als bei einem Streit ein 35-Jähriger aus Schleswig lebensgefährlich verletzt wurde. Der Streit soll allerdings nichts mit dem Unfall oder der Beerdigung zu tun gehabt haben. „Einige Husumer stachen mehrfach mit einem Messer auf den Schleswiger ein“, erklärte Matthias Glamann, Pressesprecher der Polizeidirektion Flensburg.  Der Verletzte wurde mit dem Rettungshubschrauber in ein Krankenhaus  geflogen.  Zur Beerdigung  waren  rund  600 Trauergäste aus ganz Deutschland und anderen europäischen Ländern angereist. Die für zwei Tage angesetzte Trauerfeier ging friedlich weiter. Das Gelände rund um den Sportplatz in Rantrum und die Halle war abgesperrt.

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