Heimat : Jüdisches Leben in Glückstadt

Christian Boldt (l.) und Kay Blohm sind Kenner der jüdischen Geschichte in der Elbestadt
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Christian Boldt (l.) und Kay Blohm sind Kenner der jüdischen Geschichte in der Elbestadt

Neue Ausstellung im Glückstädter Detlefsen-Museum: Sepharden waren bedeutender Teil der Stadtgeschichte.

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28. März 2017, 05:22 Uhr

Bis 1895 stand in der Königstraße 6 (damals Judenstraße) eine Synagoge. Der Kronleuchter daraus ist neuerdings im Detlefsen-Museum zu besichtigen. Für die Ausstellung zur jüdischen Gemeinde Glückstadt von 1619 bis 1915 ist es durch die Vermittlung von Joachim Jacobs gelungen, den Leuchter, der im Jewish Museum in London ausgestellt war, wieder nach Glückstadt zu holen.

Zunächst als Leihgabe für drei Jahre, aber Museumsleiter Christian Boldt hofft, dass daraus eine Dauerleihgabe wird. Denn zusammen mit dem sephardischen Friedhof in der Pentzstraße neben dem Bauhof der Stadtwerke ist ein Paket entstanden, dass er als das bedeutendste im Land bezeichnet.

Zur Ausstellungseröffnung begrüßte Christian Boldt zahlreiche Besucher, die gar nicht alle im Vortragsraum Platz fanden. „Wir müssen wohl anbauen“, wandte er sich an die Bürgermeisterin Manja Biel. „Wir wollen die Ausstellung noch ausbauen, weil mit der Geschichte der Juden auch die Stadtgeschichte anschaulich dargestellt werden kann. Und die Stadt hat uns bei dieser Ausstellung sehr unterstützt.“


Sepharden wurden in ihren Ländern bedroht


Ein besonderer Kenner der jüdischen Geschichte in Glückstadt ist der Herzhorner Historiker Kay Blohm. Vor 20 Jahren erhielt er einen kleinen Nachforschungsauftrag von der Stadt für eine Infotafel. Danach ließ ihn das Thema nicht mehr los, sodass er in seinem Einführungsvortrag kompetent die wechselvolle Geschichte der jüdischen Gemeinde und des Friedhofs vorstellte.

Als König Christian IV. Glückstadt vor 400 Jahren gründete, wollte er einen Teil des Handels der mächtigen Hansestadt Hamburg auf sein Herrschaftsgebiet ableiten. Dazu benötigte der König finanzkräftige Bürger mit weitreichenden Handelsbeziehungen. Diese Neubürger erhoffte er sich in den wegen ihres Glaubens bedrohten Sepharden aus Portugal und Spanien sowie in den reformierten Niederländern zu finden. Ein Jahr nach der Stadtgründung gingen 1618 an alle größeren Handelsplätze in Frankreich, Spanien, Portugal und den Niederlanden Einladungsschreiben an die sephardischen Gemeinden. Ihnen sollten weitreichende Freiheiten und Privilegien gewährt werden.

Albert Dionis (hebräisch Samuel Jachia) war einer der ersten, der von den Privilegien profitierte. Bereits im Juli 1619 erhielt er ein Münzprivileg und Christian IV. erlaubte den Portugiesen, ihre „hebräische Religion“ frei auszuüben und einen Begräbnisplatz anzulegen. 1620 waren bereits 13 portugiesische Familien in Glückstadt, unter ihnen Kaufleute, Ärzte und andere Gelehrte.

Aber durch die ungünstigen Lebensbedingungen verließen die meisten neuen Ansiedler die Stadt bereits wieder nach einigen Jahren. 1630 versuchte Christian IV. mit noch günstigeren Privilegien, die portugiesischen Juden zur Rückkehr nach Glückstadt zu bewegen. Sie durften eine Synagoge bauen und erhielten ein etwa 4000 Quadratmeter großes Landstück zur Anlage eines Begräbnisplatzes.

Aber schon in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verlor Glückstadt zunehmend den Charakter der Handelsstadt, sodass viele portugiesische Familien nach Hamburg, Amsterdam, London oder Kopenhagen abwanderten.

Dafür kamen polnische und deutsche Juden (die Aschkenasim) dazu, die um 1700 die Mehrheit der jüdischen Gemeinde stellten, und es gab Streit, nach welchen Riten der Gottesdienst durchzuführen sei. 1850 bestand die Gemeinde aus 43 Familien mit 183 Personen. Aber die jüdische Gemeinde kam immer stärker in finanzielle Not und wurde von der Portugiesen-Gemeinde aus Hamburg unterstützt. Dennoch wanderten viele Familien nach Elmshorn oder Altona ab.

Die Glückstädter Gemeinde hatte auch kein Geld mehr für die Instandsetzung der baufälligen Synagoge. 1895 wurde diese dann abgerissen, und das Grundstück wurde an den Bauunternehmer Friedrich Witt verkauft. Der Bauunternehmer setzte dafür den Friedhof instand. 1907 waren der Schuhfabrikant Semmy Levy und der Kaufmann Hermann Mendel noch die beiden einzigen Mitglieder der israelitischen Gemeinde in Glückstadt.


Stadt bekam Geld für den Unterhalt des Friedhofs


In einem Auflösungsvertrag übergaben sie das Gemeindevermögen an die Stadt, die sich im Gegenzug verpflichtete, den jüdischen Friedhof zu unterhalten. Nach dem Tod von Levy 1914 erlosch die jüdische Gemeinde in Glückstadt.

Die Stadt hat ihre Verpflichtungen aus dem Vertrag aber nicht erfüllt, erklärte Kay Blohm. Vom Gemeindevermögen wurden Kriegsanleihen zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs gezeichnet und der Friedhof wurde als Weideland für Kleinvieh verpachtet. Die Friedhofsfläche wurde von ursprünglich 3420 Quadratmeter auf 1046 Quadratmeter verkleinert. 1941 wurde der Friedhof komplett unter der Verantwortung des Bürgermeisters Wilhelm Vogt geschändet. Die Grabmale wurden geräumt und eine Bezirksannahmestelle für Gartenabfälle eingerichtet.

Aus dem vorher erstellten Belegungsplan geht hervor, dass im Juni 1940 auf dem Friedhof 133 liegende und 31 stehende Grabmale waren. Nach der Eintragung ins Denkmalbuch und mithilfe des Landesamts für Denkmalschutz konnte der Friedhof 2014 wieder neu angelegt und mit einem Gitterzaun begrenzt werden. 99 Grabsteine sind noch erhalten (63 sephardische und 36 aschkenasische). Der jüdische Friedhof in Glückstadt mit seiner fast 400-jährigen Geschichte ist der älteste und einzige mit überwiegend sephardischer Grabkunst in Schleswig-Holstein. Er ist das letzte Zeugnis des jüdischen Lebens in der Stadt.

In der Ausstellung sind neben dem Kronleuchter zahlreiche Dokumente, Skizzen und Exponate zu sehen, die einen Einblick in die Kultur, aber auch in das Leid und die Konflikte gewähren. Bis zum 17. September kann die Ausstellung im Detlefsen-Museum von Mittwoch bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr besucht werden.

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