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Norddeutsche Rundschau

15. Dezember 2017 | 17:06 Uhr

Berufswahl : Jobvermittlung der anderen Art

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Beim so genannten Speed-Dating in Itzehoe treffen Flüchtlinge und Arbeitgeber direkt aufeinander – mit Erfolg.

von
erstellt am 13.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Schweißnasse Hände, erhöhter Pulsschlag, nervöses Herumrutschen. Viele kennen das Gefühl, wenn man einem Menschen zum ersten Mal begegnet – beim ersten Date. Im Regionalen Berufsbildungszentrum (RBZ) ließ sich dieses Szenario gleich mehrfach beobachten. Allerdings ging es nicht um die Suche nach dem Partner fürs Leben, sondern um die Vermittlung eines Jobs. Bei einem so genannten Speed-Dating trafen Flüchtlinge sowie Unternehmen und Betriebe direkt aufeinander.

In Kooperation mit dem Unternehmensverband Unterelbe-Westküste sowie fünf Serviceclubs des Kreises Steinburg ist es die zweite Veranstaltung, die das RBZ organisiert. Dort wurden im vergangenen Jahr rund 770 Flüchtlingen in Sprach- und Integrationskursen sowie Seminaren und Exkursionen auf ihrem Weg in die Gesellschaft begleitet. „Wir sind bei der Integration in den Arbeitsmarkt noch nicht so weit, wie wir uns das gewünscht hätten“, erklärt Ronald Geist von der Arbeitsagentur in Heide. „Aber das Engagement der Menschen hier am RBZ ist bemerkenswert und verdient großen Respekt.“ Nun wollen sie gemeinsam den nächsten Schritt gehen und über das Speed-Dating möglichst viele Betriebe und Flüchtlinge zusammenbringen.

Auf einen Ausbildungsplatz oder zumindest ein Praktikum hofft auch der 20-jährige Mohammad Abdullah. Er kam 2015 aus Syrien und besucht seit September des vergangenen Jahres am RBZ diverse Sprach- und Integrationskurse. Er hat in seinem Heimatland Abitur gemacht, aber weil dieser Abschluss nicht eins zu eins in Deutschland anerkannt wird, muss und will er lernen, um schnellstmöglich unabhängig leben zu können. „Ich würde gern Fachinformatiker werden“, sagt Abdullah. Ein Wunsch, mit dem er nicht allein dasteht. Jobs aus der Computerbranche sind begehrt an diesem Abend. Insgesamt 35 Unternehmen und Betriebe aus der Region stehen den rund 60 jungen Menschen als Dating-Partner zur Verfügung. Reinhold Wenzlaff und Marion Gaudlitz, die federführend die Flüchtlingsprojekte am RBZ koordinieren, hoffen auf den einen oder anderen Erfolg ihrer Schützlinge. „Das sind quasi unsere Top-Scorer“, erklärt Wenzlaff. „Sie haben sich als besonders ehrgeizig und lernwillig präsentiert.“

So wie Mohammad Abdullah, für den das erste Gespräch an diesem Abend nicht so gut verläuft. Das allerdings liegt an einem Missverständnis. Sein Laufzettel hat einen falschen Betrieb ausgewiesen. Die Firma Stoerwerk aus Itzehoe, die vorrangig Fahrzeuge foliert und für Sicht- und Sonnenschutz an Gebäuden sorgt, sucht keinen Informatiker. Besser verläuft seine Vorstellung bei der Firma Summary. Das Itzehoer Unternehmen gehört zu den größten Zulieferern von Online-Händlern wie Amazon. Zwar kann auch Summary den Ausbildungsgang Fachinformatiker noch nicht anbieten, kann sich das aber in Zukunft vorstellen, wie Personalchefin Bianca Vogt berichtet: „Ich hoffe, dass wir diese Möglichkeit bald anbieten können.“ Dennoch könnte sich für Abdullah eine Chance eröffnen. Vogt zeigt sich durchaus beeindruckt von den Leistungs- und Sprachnachweisen, die der 20-jähige Syrer vorlegen kann. Nach knapp eineinhalb Jahren spricht er bereits gutes Deutsch, und bei einem Eignungstest des Job-Centers erzielte er das Niveau eines Abiturienten. „Ein Praktikum wäre sicherlich eine Möglichkeit, um zumindest schon einmal einen Fuß bei uns in der Tür zu haben“, glaubt Vogt. Man werde in Kontakt bleiben, versprechen beide Seiten. Ähnlich verläuft sein Termin am Tisch des Itzehoer Klinikums. Dort sind aktuell aller Plätze für die Informatiker-Ausbildung vergeben. „Auch da könnte ich zunächst ein Praktikum machen“, berichtete Abdullah. In den kommenden Wochen will er seine Sprachkenntnisse verbessern, denn für seinen Traumjob ist das so genannte C1-Niveau Voraussetzung. „Ich möchte so schnell wie möglich noch besser Deutsch sprechen“, versichert Abdullah, der durchaus zufrieden mit dem Verlauf des Abends sein kann. Das sieht auch Reinhold Wenzlaff so, der durch die Kurse am RBZ bis zum Sommer rund zehn Prozent der Flüchtlinge in ein Studium oder in eine Ausbildung gebracht haben wird. Sein besonderes Augenmerk liegt auf den 18- bis 25-jährigen Flüchtlingen: „Sie brauchen einen anerkannten Schulabschluss, sonst fallen sie uns durch das Raster, und wir bekommen sie nicht mehr eingefangen.“

Bei Mohammad Abdullah besteht die Gefahr nicht. Er ist auf einem guten Weg. Und als er anschließend mit seinen Freunden über seine „Dates“ spricht, ist auch sein Puls wieder normal.

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