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Kernenergie : Jeder Tag Stillstand kostet Kraftwerk 900 000 Euro

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Preußen Elektra wartet auf den Startschuss für das Wiederanfahren. Aber Ursache für Korrosion von Brennstäben noch immer nicht geklärt.

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2017 | 05:00 Uhr

Sie bauen Überstunden ab, bringen ihre Arbeitszeitkonten auf Vordermann oder schieben auch mal ein paar Urlaubstage zwischen: Seit Ende der Revision im Februar ist die Belegschaft des Kernkraftwerks Brokdorf in Wartestellung. Weil an einigen Brennstäben ungewöhnliche Oxydationsschichten entdeckt wurden, durfte der Meiler bislang noch nicht wieder hochgefahren werden. Jüngste Prognose für die Wiederinbetriebnahme: 22. April. Dieser Termin wird allerdings regelmäßig nachjustiert, weil die Ursachenforschung noch nicht abgeschlossen ist. „Wir tauschen uns mit den Behörden sehr viel aus“, beschreibt Kraftwerksleiter Uwe Jorden die aktuelle Lage. Wie die Gespräche im Detail verlaufen? „Ich gehe davon aus, dass jeder seine Arbeit macht.“ Abgeschlossen seien die Untersuchungen noch immer nicht. Betroffen von der Oxydation sei nur eine gelieferte Charge an Brennstäben gewesen. „Warum, ist noch nicht ganz ergründet.“

Für Kraftwerksbetreiber Preußen Elektra ist der Stillstand nicht billig. Für jeden Tag, an dem kein Strom produziert wird, rechnet man mit einem Verlust von 900  000 Euro. Selbst wenn morgen grünes Licht von der Atomaufsicht käme, würde es noch zehn Tage dauern, bis die Anlage wieder läuft.

Wie Vertreter des Kraftwerks und des Betreibers in der traditionellen „Redezeit“ mit Vertretern von Gemeinden, Amtsverwaltung und Feuerwehr deutlich machten, dürfte der Stillstand die Bilanz für 2017 trüben. Besser sehen die Zahlen für 2016 aus. Laut Jorden kommt noch immer jede dritte in Schleswig-Holstein erzeugte Kilowattstunde aus Brokdorf. „Das ist CO2-freier Strom für drei Millionen Haushalte.“ Rund 11  500 Gigawattstunden hat Brokdorf 2016 ins Netz eingespeist. Im Vergleich zum Vorjahr musste die Anlage deutlich weniger heruntergeregelt werden, weil Windstrom Vorrang hat. Jorden: „Vielleicht ist das Netz inzwischen besser ausgebaut.“ Außerdem sei 2016 ein recht windarmes Jahr gewesen.

Als massive finanzielle Belastung führte Jorden noch einmal die zwischen 2011 und Ende 2016 erhobene Brennelementesteuer an. Brokdorf habe das „einen hohen dreistelligen Millionenbetrag“ gekostet. „Wir haben pro Brennelement das Dreifache des Einkaufspreises an Steuern bezahlt.“ Sichtlich überrascht reagierten die Gesprächspartner aus den Kommunen mit Brokdorfs Bürgermeisterin Elke Göttsche an der Spitze über die Auskunft von Jorden, dass das 2007 eröffnete Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente nach dem Entsorgungsübergangssetz bis spätestens 1. Januar 2019 in die Verantwortung des Bundes übergehen soll. Kraftwerksbetreiber Preußen Elektra wäre dann allenfalls noch als Dienstleister für die Lagerstätte zuständig. Allein für die Zwischenlagerung stehen bundesweit 4,7 Milliarden Euro in einem von den Energiekonzernen gespeisten Fonds bereit. Mit dem Geld sollen Betrieb, Konditionierung, Transporte und eines Tages auch die Stilllegung finanziert werden.

Wie Uwe Jorden in seinem Rückblick hervorhob, war Brokdorf im vergangenen Jahr auch Schauplatz für das Treffen eines weltweiten Zusammenschlusses von Vertretern von insgesamt 437 in Betrieb befindlichen Kernkraftwerken. Ergebnis: „Wir gehören weltweit zu den besten Anlagen. Da sind wir auch stolz drauf.“ Aktuell beschäftigt das Kraftwerk übrigens 304 Mitarbeiter als Stammpersonal, 22 weniger als noch 2015. Hinzu kommen 22 Auszubildende – „allerdings nur noch Elektroniker und keine Mechaniker mehr“. Der Nachwuchs sorgt zudem dafür, dass der Altersdurchschnitt der Belegschaft noch bei 48,5 Jahren liegt. Das Personal, so Jorden weiter, müsse sich in Zukunft allerdings auf einen konzernweiten Sparkurs einstellen. „Das wird uns alle betreffen“, befürchtet er. Aktuell hoffen Jorden und seine Mitarbeiter aber, dass der Meiler bald wieder laufen kann. FDP-Landtagsabgeordneter Oliver Kumbartzky geht allerdings davon aus, dass das auf keinen Fall vor dem 8. Mai der Fall sein werde – also vor der Landtagswahl.

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