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Norddeutsche Rundschau

18. Oktober 2017 | 04:18 Uhr

j

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

von
erstellt am 24.Apr.2017 | 16:03 Uhr

Seit dem 5. Juli 1817 versorgt unsere Zeitung die Menschen in Itzehoe und Umgebung mit Nachrichten aus der Region und aller Welt. Ihren Geburtstag feiert die Rundschau in einer Sonderserie mit Geschichten aus 200 Jahren Zeitung für den Kreis Steinburg – immer sonnabends an dieser Stelle im Blatt.

Hunderttausende Asylbewerber kamen 2015 und 2016 nach Deutschland – eine Situation, die nur unter Schwierigkeiten gemeistert werden konnte und kann. Vor ähnlichen Problemen stand Deutschland schon einmal – Anfang der 90er Jahre. Menschen aus Westafrika und aus den ehemaligen Ostblockstaaten suchten Zuflucht – und sorgten für ein Chaos in Oelixdorf.

„Es waren katastrophale Verhältnisse“, sagt Manfred Bertermann. Der Bundesbeamte arbeitete damals als so genannter Entscheider in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber im ehemaligen Kurhaus am Stadtrand zu Itzehoe. Die Unterkunft fasste 180 Personen, stellenweise waren aber bis zu 500 auf dem eingezäunten Gelände. Und vor dem Tor und in den angrenzenden Gärten campierten weitere, weil der Zugang um 17 Uhr geschlossen und erst am folgenden Tag um 7 Uhr wieder geöffnet wurde. „Asylbewerber bleiben im Regen stehen“ und „Angst und Wut: Ein Dorf hat die Nase voll“, lauteten einige unserer Schlagzeilen in dieser Zeit.

Dass der Kreis Steinburg die zentrale Aufnahmeeinrichtung für das gesamte Land vorhalten musste, ging auf einen Vertrag aus dem Jahr 1982 zurück. Darin verpflichtete sich der Kreis, die damals noch geringe Zahl an Asylbewerbern aufzunehmen, im Gegenzug wurden keine weiteren Flüchtlinge auf die Städte und Gemeinden verteilt. Als Unterkunft wurde das 1903 gebaute Kurhaus in Oelixdorf ausgewählt. Sämtliche Asylbewerber, die sich in Schleswig-Holstein meldeten, mussten in Oelixdorf ihren Antrag stellen. Nach der seinerzeit geltenden Quote musste das Land 3,5 Prozent aller Asylbewerber in der Bundesrepublik Deutschland (später 2,8 Prozent) aufnehmen. Während der Bearbeitung ihrer Anträge wohnten die Asylbewerber in der Unterkunft, danach wurden sie nach festem Schlüssel auf die anderen Kreise und kreisfreien Städte verteilt. Dem Kreis oblag auch die medizinische Betreuung. Tägliche Sprechstunden und Hausbesuche in der Gemeinschaftsunterkunft gehörten ebenso zum Aufgabenspektrum wie Überweisungen an Fachärzte und Kliniken.

Zu Beginn lief das Procedere reibungslos. Doch dann stiegen die Asylbewerberzahlen rasant an – von 1200 im Jahr 1984 auf 3700 im Jahr 1988. Dafür reichten die Kapazitäten nicht mehr aus, zusätzliche Wohn- und Sanitätscontainer mussten aufgestellt werden. Ausweichquartiere wurden in Wulfsmoor und Oeschebüttel eröffnet. Doch immer mehr Asylbewerber kamen, vor allem vom Balkan und aus Afrika. 1992 wurden stellenweise 480 in der Oelixdorfer Unterkunft registriert, hinzu kamen diejenigen, die keinen Einlass fanden und draußen campieren mussten. Und vor allem dies sorgte bei den Anwohnern für großen Ärger. Es gab Belästigungen, Pöbeleien, Lärm, Müll blieb liegen, und manche Gärten wurden als Toilette benutzt. Der Besitzer des gegenüber liegenden Lebensmittelmarktes klagte über vermehrte Diebstähle. Erste Proteste gab es bereits 1985, später gründete sich eine Bürgerinitiative, sogar eine Bürgerwehr war im Gespräch. Mehrmals war der damalige Sozialminister Günther Jansen in Oelixdorf, um die Bürger zu beruhigen. Er berief sich auf eine bundeseinheitliche Regelung, die Öffnungszeiten für Gemeinschaftsunterkünfte nur von 7 bis 17 Uhr vorsah. Wer später kam, musste draußen bleiben und dort übernachten.

Um die Flut an Asylanträgen abarbeiten zu können, wurden mehr Entscheider eingestellt werden. Darunter auch der Oelixdorfer Manfred Bertermann, der als Bundesbeamter bei der Standortverwaltung arbeitete, sich aber für den Posten beworben hatte. „Es war eine reizvolle Tätigkeit.“ Entscheider waren weisungsungebunden, ähnlich wie Richter. Nach Auswahlverfahren und Einarbeitung trat Bertermann Mitte 1992 seinen Dienst in der Gemeinschaftsunterkunft an. Untergebracht in einem sechs Quadratmeter großen Büro, war er für Asylbewerber aus Togo, Benin, Ghana, Liberia und Sierra Leone zuständig. Seine Aufgabe bestand darin zu erkennen, ob die Asylbewerber Wirtschaftsflüchtlinge waren, für die es kein Asyl gab, oder als politisch oder religiös Verfolgte nach Deutschland kamen.

Bertermann selbst hatte in seiner Zeit nur einen Flüchtling aus Togo, der anerkannt wurde. „Bundesweit lag die Anerkennungsquote für Westafrikaner bei 1,2 Prozent.“ Die Befragung dauerte meist drei Tage, oft mussten Dolmetscher hinzugezogen werden, weil die Asylbewerber angaben, nur der Stammessprache mächtig zu sein. „Manch abenteuerliche Geschichte haben wir dort gehört.“ Beim Abriss des Hauses seien später noch zahlreiche Papiere von Asylbewerbern gefunden worden, die diese dort vergraben hätten.

Schwierig sei damals auch die Identifizierung gewesen, denn Fingerabdrücke seien noch nicht genommen worden. Dieses Verfahren sei erst einige Jahre später eingeführt worden. Um die Fluchtrouten und -gründe nachvollziehen zu können, ist Bertermann in der Zeit auch nach Togo geflogen. Geärgert habe er sich manches Mal über die Verwaltungsgerichte, die Bescheide oftmals so nicht anerkannt hätten. „Das hat uns das Leben schwer gemacht.“ Auch das Kirchenasyl für abgewiesene Asylbewerber sah er kritisch. „Die Kirche sollte sich nicht über das Gesetz stellen.“ Die Unruhe im Ort aufgrund der hohen Belegungszahlen konnte Bertermann nachvollziehen, obwohl er und seine Familie keine Angst hatten. Auch weil sie nicht unmittelbar neben der Unterkunft wohnten, sondern im unteren Dorf. Aber die hohe Zahl der Flüchtlinge führte zu einer steigenden Kriminalitätsrate, die die Polizei veranlasste, zusätzliches Personal nach Oelixdorf zu schicken. Im Kreis wurde außerdem eine Lenkungsgruppe installiert, die sich aus Behördenvertretern und Vertretern der Bürgerinitiative zusammensetzte. Diese sollte nach Lösungen suchen, um Beeinträchtigungen zu minimieren. Im Jahr 1993 entspannte sich die Situation deutlich. Zum einen wurde in Neumünster das Landesamt für Ausländerangelegenheiten gegründet, und zum anderen wurden in Itzehoe auf dem Gelände der ehemaligen Hanseatenkaserne sowie in Flensburg und Lübeck neue Aufnahmeeinrichtungen eröffnet.

Das Kapitel Gemeinschaftsunterkunft endete damit in Oelixdorf. Gleichzeitig versiegte aber auch der Geldstrom für die Gemeinde. Denn die Asylbewerberzahlen wurden auf die Einwohnerzahlen angerechnet, dementsprechend gab es höhere Schlüsselzuweisungen vom Land. Und da es mit den Abmeldungen nicht immer klappte, „hatten wir stellenweise über 3000 Einwohner statt 1500“, sagt Bertermann, der auch Mitglied der Steinburger Kreistages und der Gemeindevertretung war und ist. „Das war finanziell wie ein Sechser im Lotto für uns.“ Nur so habe die Gemeinde unter anderem den Kindergarten bauen und die Gaststätte „Unter den Linden“ sanieren können.

Mit dem Auszug der Asylbewerber endete auch die Geschichte des ehemaligen Kurhauses, das zwischen den beiden Weltkriegen als Erholungsheim und dann bis 1981 als Landesjugendheim diente. Ideen, das Gebäude in eine Seniorenresidenz oder ein Hotel umzubauen, zerschlugen sich. Schließlich – mit vielen Schwierigkeiten verbunden – wurde ein Wohnprojekt verwirklicht, das alte Kurhaus Kaiserberg wurde 2005 abgerissen. Heute stehen auf dem Gelände schmucke Einfamilienhäuser. Nur der Straßenname Kaiserberg erinnert noch an die alte Zeit.

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