Zuständig für das ganze Land : Itzehoer Staatsanwälte jagen digitale Verbrecher

Die Tätersuche im so genannten Darknet ist für Sarah Führer und ihre Kollegen Alltag.
Die Tätersuche im so genannten Darknet ist für Sarah Führer und ihre Kollegen Alltag.

Die Ermittler der Schwerpunktabteilung Cyber-Kriminalität in Itzehoe brauchen einen langen Atem.

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21. Oktober 2020, 15:12 Uhr

Itzehoe | Mit den Darstellungen in TV-Serien hat der Alltag von Oberstaatsanwältin Sarah Führer und ihren Kollegen wenig zu tun. Aber ihre Arbeit ist wichtig, und sie wird noch wichtiger werden. Denn immer mehr Verbrechen findet im Internet statt. Bei der Itzehoer Staatsanwaltschaft ist die Schwerpunktabteilung Cyber-Kriminalität angesiedelt. Die großen Fälle aus ganz Schleswig-Holstein werden von hier aus koordiniert und bearbeitet.

Sarah Führer (44) leitet die sieben Dezernate in der Kreisstadt: „Die Bekämpfung der Cyber-Kriminalität ist eine riesige Herausforderung. Von daher ist es richtig, dass das Land darauf einen besonderen Fokus legt.“ Für Carsten Ohlrogge, Leiter der Itzehoer Staatsanwaltschaft, ist dieses Feld ein ständig wachsendes und eines, „das uns in der Zukunft am meisten beschäftigen wird“.

Wie schwierig es ist, Täter zu finden, macht Führer an einem einfachen Beispiel deutlich. „Bei einem klassischen Erpresser-Brief haben wir ausgeschnittene Buchstaben, einen Poststempel oder sogar DNA-Spuren am Briefumschlag.“ Das seien Ansatzpunkte, um dem Täter auf die Schliche zu kommen. Und man habe lediglich einen Adressaten. „Heute kann man per Mausklick mit einer Mail 10.000 potenzielle Opfer erreichen.“ Erschwerend kommt hinzu, dass die Täter von überall auf der Welt agieren. Sie können in Dithmarschen vor einem Rechner hocken oder auf den Kaiman-Inseln. Im vergangenen Jahr hat die Staatsanwaltschaft Koblenz einen jungen Mann identifiziert, der an einem Kreditkartenbetrug beteiligt war und in Uetersen lebte.

Zusammenarbeit ist bei der Spuren- und Tätersuche das Zauberwort. „Diese ist unabdingbar und muss über Landes- und Staatengrenzen hinaus funktionieren“, so Führer. Hier tun sich weitere Hürden auf. Zwar bestätigt Führer, dass die bundesweite Kooperation inzwischen ganz gut laufe, auch innerhalb der Europäischen Union sei der Austausch zumeist durchlässig. Darüber hinaus allerdings wird es nicht selten schwierig. Denn um Amtshilfe beispielsweise in den USA zu erhalten, braucht es einen langen bürokratischen Weg über Land, Bund und Botschaft – und eine einheitliche Rechtslage. „Wenn wir in Deutschland beispielsweise bezüglich Hate-Speech (Beleidigung im Internet, d. Red.) ermitteln, stoßen wir in den USA meist auf verschlossene Türen, weil das dort oft kein Straftatbestand ist und unter freier Meinungsäußerung läuft“, erklärt Führer.

Die Bekämpfung von Cyber-Kriminalität sei ein Prozess, der so gut wie nie ende, weil es viele Verästelungen gebe und mehrere Täter zusammenarbeiten, sagt die Oberstaatsanwältin. „Man braucht für diese Arbeit einen langen Atem und eine hohe Frustrationstoleranz.“ Echte Ermittlungserfolge kann sie zwar verzeichnen, die sind aber nicht an der Tagesordnung.

Immerhin spricht sie von Waffengleichheit, wenn es um die Mittel bei der Tätersuche geht. „Personal hat man ja eh nie genug“, so Führer schmunzelnd. Aber mit bis zu sieben Staatsanwälten ist ihre Abteilung handlungsfähig ausgestattet. Auch bei den technischen Kapazitäten hinken die Ermittler nicht hinterher. Täter sind in der Lage, mit einer gefälschten IP-Adresse im Inter- beziehungsweise Darknet zu agieren. Führer und ihre Kollegen können das auch mit einem Gerät, das die IP-Adresse verschlüsselt: „Das ist wichtig, wenn wir zum Schein auf Angebote eingehen. Dann darf die Spur natürlich nicht zu einem Rechner in Itzehoe führen.“

Einen absoluten Schutz gibt es nicht, aber Führer wundert sich, wie nachlässig in Deutschland bei Privatpersonen wie Unternehmen der Umgang mit IT-Sicherheit ist. Das fange beim regelmäßigen Ändern der Passwörter an. Zudem appelliert sie, den gesunden Menschenverstand einzuschalten, bevor man zum Beispiel ein Online-Geschäft abschließt: „Der Betrug durch Fake-Shops ist unglaublich groß. Aber oft reicht es aus, zuvor den Namen des vermeintlichen Anbieters zu googeln“, so Führer. Dann sehe man schnell, ob es sich um einen seriösen Anbieter handelt.

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