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Soziales Engagement : Itzehoer Schüler sind ganz Ohr

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Wie der sehbehinderte Mirco Seefeldt die Klänge der Kreisstadt wahrnimmt und sich bei einem besonderen Projekt einbringt.

Es piept. Und zwar bei jedem, der mit der Bahn in Itzehoe ankommt. „Das nehmen viele Leute nicht wahr, aber das Erste, was sie von der Stadt hören, ist das Piepen der Zugtüren“, sagt Mirco Seefeldt. Der 16-Jährige steht mit Kopfhörern auf dem Kopf auf dem Bahnsteig 3 und fängt für das Projekt „Wie klingt unsere Stadt?“ Geräusche in Itzehoe ein – von Menschen, Autos, Tieren oder Maschinen. Mirco, der die Steinburg-Schule besucht, ist dafür wohl so geeignet wie kaum ein anderer in dem Projekt, an dessen Ende er und Schüler der Kaiser-Karl-Schule bis Juni eine CD, einen USB-Stick und eine App produzieren wollen, die Geräusche aus Itzehoe mit einer praktischen Orientierungshilfe für Sehbehinderte vereint (wir berichteten).

Denn seit seiner Geburt sieht Mirco schlecht, seit etwa zwei Jahren kann der Oldendorfer nur noch hell und dunkel unterscheiden, trainiert mit dem Blindenstock. Fürs Projekt ist er der Geräuschdetektiv. „Es ist nicht leicht, sich als Sehbehinderter in der Stadt zu orientieren“, sagt er. Der Weg vom Bahnhof in die Stadt sei für Ortsfremde noch zu bewältigen. „Die Viktoriastraße ist schön laut, da hat man viele Orientierungspunkte.“ Doch schon am Beginn der Fußgängerzone werde es schwer. „Da stehen viele Bänke und Papierkörbe – und Aufsteller, die aber eben immer irgendwie anders stehen“, sagt Karl Friedrich Steltmann, der das Projekt für den Blinden- und Sehbehindertenverein Steinburg begleitet und wie Mirco nur hell und dunkel unterscheiden kann. „Es ist gut, dass Mirco dabei ist – das ist wirkliche Inklusion.“ So lange ein Blindenleitsystem in der Stadt fehle, könne die geplante App eine Erleichterung für Sehbehinderte sein.

Mehrere Stunden waren die Schüler schon mit Mikros und Aufnahmegeräten des Offenen Kanals in Itzehoe unterwegs, um an verschiedenen Orten die Geräusche der Stadt aufzunehmen. „Den beeindruckendsten Klang haben für mich die Glocken der Laurentii-Kirche“, sagt Landrat Torsten Wendt, der die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hat. „Dass eine Stadt nicht nur optisch, sondern auch akustisch ihr Potenzial zeigt, das kenne ich sonst nicht.“

Am Ende soll nach dem Willen von Ingrid Ebinal, die das Projekt für den Verein K 9 initiiert hat, mehrere Produkte stehen, auch Geräusche, die von dem Klangkünstler Clemens Endreß mit Sounds unterlegt werden. Der ist sicher: „Auch Sehende werden die Stadt mit diesen Klängen neu entdecken können.“

Menschen nähmen 80 Prozent ihrer Umgebung über das Auge, aber nur 20 Prozent über die Ohren wahr, sagt Steltmann. Bei Mirco sei das natürlich anders, erklärt KKS-Schüler Christian Reese, der ein Mikrofon auf eine Zugtür richtet. „Er hat uns schon auf Geräusche aufmerksam gemacht, die wir überhaupt nicht gehört haben.“ Und sei es nur eine Tür, die piept.

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erstellt am 10.Mär.2016 | 14:00 Uhr

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