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Pflegeausbildung am Klinikum : „Itzehoe ist ein Leuchtturm im Norden“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Klinikum und Schule gelten mit Simulationstraining in Norddeutschland als einer der Vorreiter in der Pflegeausbildung.

shz.de von
erstellt am 07.Jun.2017 | 05:00 Uhr

„Ich kriege keine Luft! Hilfe!“ Herr Meier liegt röchelnd in seinem Bett. Eigentlich sollten die beiden Krankenpflege-Schülerinnen Eileen und Jenny den 73-Jährigen, der wegen Herzbeschwerden behandelt wird, nur aus seinem Zimmer abholen und zum Herzkatheter bringen. Doch nun müssen sie reagieren. „Bitte nicht weggehen, helfen Sie mir doch!“, fleht Meier.

„Tiiiiieeeef einatmen“, sagt Eileen beruhigend und stellt den Kopfteil des Bettes hoch. Sie misst Meiers Blutdruck, während Jenny einen Arzt holt. Zusammen mit Margret Pigorsch kommt sie zurück. „Sauerstoff anlegen“, weist diese an und nennt einige Medikamente, die dem Patienten verabreicht werden sollen. Der stöhnt indes unvermindert weiter und würde gerne etwas trinken. „Sie müssen nüchtern bleiben – aber ich kann Ihren Mund ein bisschen anfeuchten“, sagt Eileen, während Jenny nebenan die Medikamente holt und dem Arzt für die intravenöse Verabreichung vorbereitet. Spray verabreichen, erneut Blutdruck messen, nochmals Lippen anfeuchten – es gibt viel zu tun für die beiden Schülerinnen, bis sich der Patient endlich beruhigt hat. Beim Verlassen des Raumes nimmt Eileen das Wasser vom Nachttisch mit, damit Herr Meier nicht auf die Idee kommt, sich zu bedienen.

Thomas Schröder und Margret Pigorsch sind Praxisanleiter an der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege am Klinikum Itzehoe. Im Simulationszentrum am zweiten Schulstandort am Langen Peter schlüpfen sie und ihre Kollegen regelmäßig in fremde Rollen. Denn für die Schüler soll ein möglichst realistisches Szenario entstehen. „Dadurch, dass die Simulationspuppe spricht und mit den Schülern in direkte Kommunikation tritt, wirkt es echt“, weiß Schröder. Die Puppe sei „eine hochkomplexe Maschine, vollgestopft mit Technik“. Es können die Vitalzeichen gemessen werden, sogar Körperflüssigkeiten gehören zum Repertoire. Drei Kameras übertragen das Geschehen auf zwei Laptops im Nebenraum, wo die Praxisanleiter die Szene verfolgen, dem Patienten ihre Stimme leihen und Notizen fürs Feedback machen.

„Wir haben richtige Drehbücher“, erklärt Praxisanleiterin Tanja Baier, die sich als Vorstandsmitglied im Simulations-Netzwerk Simnat Pflege engagiert. „Itzehoe ist der Leuchtturm im Norden“, sagt sie. Christine Loewenhardt, Vorsitzende von Simnat Pflege bestätigt, dass nirgendwo anders nördlich von Bremen mit der Simulationspuppe gearbeitet wird.

Im Vorfeld der Simulationswochen, die während der dreijährigen Ausbildungszeit mehrfach stattfinden, überlegt das Team, was thematisch gerade an die Inhalte aus der Schule anknüpft. Jede Eventualität müsse berücksichtigt werden, so Baier: „Was passiert, wenn jemand anders reagiert als geplant?“ Das Szenario geht nie schlecht aus. „Der Patient stirbt nie“, betont Thomas Schröder. Die Schüler sollen einen positiven Lerneffekt haben. Wenn es ganz in die falsche Richtung läuft, gibt es notfalls die sogenannten „Lebensretter“. Dann gibt der Patient zum Beispiel einen Hinweis oder es kommt ein Praxisanleiter oder ein Arzt vorbei.

Das abschließende Gespräch läuft nach festen Regeln ab – und ohne erhobenen Zeigefinger. „Wir hinterfragen die Gründe für das Handeln und analysieren mit dem Schüler die Fehler, um sie in der Realität zu vermeiden. Das dient in hohem Maße der Patientensicherheit“, sagt Baier. Die letzte Frage lautet immer „Und was nehmen Sie mit?“

Jenny und Eileen sind sich schnell einig, als Christiane Goede, Lehrerin für Pflegeberufe, diese Frage stellt: Mehr miteinander kommunizieren und ruhig bleiben, lautet ihr Fazit. Die Schülerinnen sind begeistert vom Simulationstraining. „Das bringt sehr viel – der Unterricht ist sehr theoretisch, hier kann man es praktisch ausprobieren“, sagt Jenny (19). Dass der Patient nur eine Puppe sei, vergesse man wegen der realistischen Umgebung sehr schnell. „Es ist sehr gut, dass man sehen kann, wie man sich in den Situationen verhält.“

Es sei sehr gut, dass das Simulationszentrum ein geschützter Raum ist, sagt Eileen (20). „Hier dürfen Fehler passieren, die man in der Praxis dann vermeiden kann.“ Nichts werde den Schülern negativ ausgelegt, stattdessen suchen alle gemeinsam nach Verbesserungsmöglichkeiten. „Die Praxisanleiter geben sich wirklich viel Mühe.“

Für die Schüler sei es eine große Erleichterung, eine komplexe Aufgabe nicht zum ersten Mal vor Patienten, sondern vor Mitschülern zu erledigen, weiß Tanja Baier. „Das ist eine viel entspanntere Atmosphäre, ein viel schöneres Lernklima.“

Die Itzehoer Schule ist mit diesem Konzept ein Vorreiter, betont auch Schulleiterin Regina Halbleib. „Es ist etwas Besonderes, dass wir hier ein Simulationszentrum und funktionierende Drehbücher haben.“ Im integrativen Bildungszentrum, mit dessen Bau in diesem Jahr begonnen wird, sollen die Simulationsmöglichkeiten noch ausgeweitet werden.


> Info-Abend zu den Ausbildungsgängen Gesundheits- und Krankenpflege sowie Gesundheits- und Kinderkrankenpflege (Start im Herbst): Mittwoch, 19. Juli, von 18.30 bis 20 Uhr am Langen Peter 27a. Dort kann auch das Simulationszentrum besichtigt werden. Anmeldung unter 04821/772-1006.



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