Französisches Satiremagazin : Itzehoe ist Charlie

Vorbestellungen ohne Ende: Frauke Friedrichs zeigt die Liste der Interessenten. Fotos: Müller
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Vorbestellungen ohne Ende: Frauke Friedrichs zeigt die Liste der Interessenten. Fotos: Müller

Die Kioske und Zeitschriftenläden hoffen auf Auslieferungen des französischen Satiremagazins – und werden wohl meist leer ausgehen.

Kay Müller von
17. Januar 2015, 08:00 Uhr

Itzehoe | Je suis Charlie. Diesen Satz leben offenbar viele Itzehoer, die sich mit den Opfern der Terroranschläge von Paris vor einer Woche solidarisieren. Die Zahl der Vorbestellungen für das erste Exemplar des Satiremagazins Charlie Hebdo nach dem Attentat schnellt in die Höhe. Heute soll das Heft in Deutschland ausgeliefert werden – aber nur die wenigsten Einzelhändler in Itzehoe wissen, ob sie ein Exemplar bekommen und weiterverkaufen können.

An der Kasse von Frauke Friedrichs in der Buchhandlung Heymann im Holstein Center ist eine ganze Reihe von Zetteln befestigt. „Alles Vorbestellungen. Die Menschen sind sehr interessiert an dem Magazin, über das jetzt überall berichtet wird.“ Doch ob Friedrichs alle Vorbestellungen erfüllen kann, ist unklar. „Das geht hier immer auf und ab“, sagt sie nach Telefonaten mit dem Presse-Grossisten. „Einmal hieß es, dass wir 15 Exemplare bekommen, dann wieder, dass man nichts garantieren kann.“

Uwe Zeyn, Geschäftsführer beim Presse-Grossisten Carlsen und Lamich in Kiel, der den größten Teil von Schleswig-Holstein beliefert, kann sie ein wenig beruhigen: „Sechs Exemplare werden wir nach Itzehoe liefern – alle zu Heymann.“ Zeyn hofft, dass die Auslieferung auch klappt. „Noch haben wir keine Hefte bekommen“, erklärte er gestern Mittag. Zeyn sagt: „Ursprünglich sollten wir 200 Exemplare von Charlie Hebdo bekommen. Jetzt hoffen wir, dass wir zumindest 75 ausliefern können. So einen Aufwand für so wenig Hefte haben wir noch nie betrieben.“ Das Angebot reiche aber nicht. „Wir haben 3500 Kunden in Schleswig-Holstein, da ist das nicht mal ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Nun gelte es „den Schmerz gleichmäßig zu verteilen“. Größere Buchhandlungen würden bevorzugt. „Wir werden nicht einzelne Exemplare ausliefern, sondern eher Pakete von mehreren Exemplaren“, so Zeyn. Bis zu 5000 Hefte hätte er verkaufen können. „Das passiert uns selten, dass wir von irgendetwas zu wenig haben. Und wenn dann einer meckert, dann muss ich das aushalten.“

Deutschlandweit wird es 10  000 Exemplare in französischer Sprache geben, etwa 4000 gingen an Bahnhöfe und Flughäfen. „Da bleiben dann die 110  000 Fachhändler die auch noch was wollen.“ Man müsse aber den Verlag und die Kollegen in Frankreich in Schutz nehmen, die in nur einer Woche das Heft aus dem Boden gestampft hätten. Ob die Leser in Itzehoe die Chance auf eine zweite Auflage bekommen, sei noch ungewiss. „Wir bemühen uns mit aller Macht darum“, sagt Zeyn.

Maren Barde von Stilke aktuell am Bahnhof geht erstmal leer aus, hofft aber, dass sie irgendwann Hefte bekommt. „Da sind andere wohl vor uns dran. Aber hier haben bestimmt 25 Kunden nach Charlie Hebdo gefragt.“ Christine Simon von Tabak und Co im Holstein Center hat ebenfalls vorbestellt. Auch im Laden Ernst Flickenschild am Berliner Platz und im Verkauf im Stör-Carree fragen seit ein paar Tagen immer mehr Itzehoer nach dem Magazin mit den umstrittenen Karikaturen. „Die Leute sind an dem Heft interessiert, einige wollen es aber auch nur unterstützen“, sagt Andrea Wiechmann.

Die Nachfrage wird hoch bleiben, glaubt Klaus Sobottka vom Tabakkontor in Glückstadt. „Die Leute rennen mir die Bude ein.“ Der 65-Jährige ist froh, dass ihm der Grossist vier Exemplare zugesichert hat. „Da habe ich wohl Glück gehabt.“ Die meisten Kunden seien neugierig auf das Magazin. „Das sind meist Intellektuelle, die mehr darüber wissen wollen. Zu mir kommen alle Altersklassen – vom Gymnasiasten bis zum Rentner. Ich habe bestimmt schon 30 Vorbestellungen.“

Sobottka plant wie die Buchhandlung Heymann, Charlie Hebdo fest ins Programm aufzunehmen. Seit 15 Jahren ist er im Geschäft – und kann sich nicht erinnern, dass es schon mal so einen Boom auf eine ausländische Zeitschrift gegeben hat. Sobottka: „Es ist schlimm, dass es erst zu einem so furchtbaren Attentat kommen muss, damit sich so ein Magazin so verkauft.“

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