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Gesundheit : „Irgendwann gibt es Techno im Altenheim“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Dorothea Käding erklärt, warum immer mehr Musiktherapeuten gebraucht werden

Frau Käding, ärgert Sie das noch, wenn Sie als Frau bezeichnet werden, die mit Patienten ein wenig Musik macht?
Ach wissen Sie, da stehe ich mittlerweile drüber. Leute, die das sagen, haben wenig Ahnung von meinem Beruf. Dass Musiktherapie eine anerkannte Therapieform ist, das ist mittlerweile so klar bewiesen, dass ich das nicht mehr betonen muss.

Was ist das besondere an Musiktherapie?
Musikalische Erfahrungen begleiten Menschen in ihrer gesamten Entwicklung. Über Klänge und Rhythmen können emotionale und körperliche Bereiche angesprochen und therapiert werden.

Wie zum Beispiel?
Denken Sie etwa an Menschen mit Demenz. Gerade solchen Patienten, bei denen die Erkrankung weiter fortgeschritten ist, können Musiktherapeuten über das Hören und Erleben von Musik einen Zugang zu Erinnerungen, Stimmung und Gefühlen ermöglichen.

Wie geht das?
Ich will das an einem Beispiel erläutern. Ich war kürzlich in einem Pflegeheim, dort saß offenbar eine Frau mit Demenz, die immer wieder scheinbar zusammenhanglos fragte, wo denn die Männer geblieben seien. Da fiel mir spontan ein, dass das eine Strophe aus dem Lied „Sag’ mir wo die Blumen sind“ ist – und ich begann, das Lied zu summen. Die Frau summte mit, eine Sitznachbarin begann ein paar Wortfetzen dazu zu sagen, es ergab sich ein kleines Gespräch. Und die Bewohnerinnen, die vorher teilnahmslos nebeneinander saßen, konnten sich plötzlich freuen, weil sie über die Musik Momente der Lebendigkeit und Kontakte erlebten, von denen sie sonst vielleicht nicht mehr viele haben.

Aber die Musiktherapie kann die fortschreitende Demenz bei Menschen nicht aufhalten?
Nein, Musiktherapie hat keine heilende Wirkung. Aber sie kann die Lebensqualität der Patienten steigern und sie kann helfen, Affekte zu regulieren, was wiederum auch den Pflegekräften die Arbeit erleichtert.

Und das funktioniert alles über das Singen?
Musiktherapie ist mehr als nur ein Singkreis, in dem demente Menschen wie Automaten Volkslieder trällern. Musiktherapie ist offiziell anerkannt als geeignete Therapieform für von Demenz betroffene Menschen.

Nimmt die Nachfrage nach Ihren Angeboten denn zu?
Ich denke, dass fast jeder, der heute als Musiktherapeut mit an Demenz erkrankten Menschen arbeiten möchte, einen Job finden kann. Denn die Zahl demenzbetroffener Menschen nimmt zu, und immer mehr wird Demenz nicht nur als Krankheit gesehen, sondern als besondere Daseinsform im Alter. Wir brauchen mehr Musiktherapeuten die in diesem Bereich arbeiten, um Begegnung zu ermöglichen

Mit welchen Liedern kann man denn welchen Patienten helfen?
Das ist ganz unterschiedlich. Natürlich hängt es vom Alter ab. Und je früher jemand ein Lied gelernt hat desto größer ist die Chance, dass sich jemand darüber öffnet. Das verstärkt sich noch, wenn jemand ein Instrument dazu spielt. Und ich staune manchmal selbst, was Menschen auch nach Jahrzehnten noch für Texte beherrschen.

Sind das denn immer die aus Kinderliedern?
Nein, für viele sind auch die Lieder aus Jugendzeiten besonders prägend. Da müssen Musiktherapeuten mit der Zeit gehen.

Das heißt, dass bald Elvis, die Rolling Stones, Jimi Hendrix und Michael Jackson im Pflegeheim gespielt werden?
Warum denn nicht? Irgendwann wird es vielleicht sogar Techno im Altenheim geben.


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erstellt am 10.Feb.2016 | 11:46 Uhr

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