„Inklusion in die Köpfe bringen“

Engagierter Metalfan: Ron Paustian betreibt „New Metal Media“.
Engagierter Metalfan: Ron Paustian betreibt „New Metal Media“.

Für Bürgerpreis nominiert: Ron Paustian betreibt kostenloses Online-Musikmagazin speziell für Menschen mit Behinderungen

shz.de von
28. Juli 2015, 13:34 Uhr

Seit fast sechs Jahren betreibt Ron Paustian (38) aus Brickeln ein kostenfreies Online-Musikmagazin für Menschen mit Behinderungen. Neben jeder Menge CD-Reviews, Konzert- und Festivalberichten sowie Hintergrundinformationen zu Musikgruppen aus den Bereichen Rock, Hard-Rock und Heavy Metal erhalten die Besucher der Internetseite „New Metal Media“ insbesondere Auskünfte über die räumlichen Gegebenheiten von deutschlandweit über 500 Bars, Kneipen, Konzerthäusern und Festivalstätten: Wie steht es um die Barrierefreiheit, gibt es Rückzugsmöglichkeiten, wie ist die Sicht auf die Bühne für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind?

Wie bist Du auf die Idee gekommen, solch ein Online-Magazin aufzubauen?
Ron Paustian: Seit über 20 Jahren leide ich an Schizophrenie und damit verbundenen Angststörungen. Das macht es mir nahezu unmöglich, mich an Orte zu begeben, wo sich die Menschen dicht an dicht drängeln. Ich brauche dann vor Ort meine Rückzugsmöglichkeiten. Als eine meiner Lieblingsbands ein Konzert in Hamburg gegeben hat, habe ich vor eben dieser Frage gestanden – ob es dort wohl Rückzugsmöglichkeiten gibt. Dabei kam mir der Gedanke, dass es anderen Menschen mit Behinderungen doch ähnlich gehen müsste.

Wie bekommst Du die Informationen über die unterschiedlichen Veranstaltungsorte?
Gemeinsam mit anderen Metalfans, die ebenfalls mit einer Behinderung leben, habe ich einen Wertungsbogen entworfen. Diesen Fragebogen senden wir an die Bars, Kneipen und Konzerthäuser in denen Bands der etwas härteren musikalischen Gangart auftreten. Ein weiteres Formular, das noch etwas ausführlicher ist, geht darüber hinaus an die Festivalveranstalter. Wir möchten lediglich sachliche, wertungsfreie Informationen liefern, die für Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte, aber auch für Menschen mit anderen physischen und auch psychischen Behinderungen wichtig sind, um ebenso ausgelassen feiern zu können wie Menschen ohne Behinderungen. Rund 80 Prozent der Fragebögen kommen ausgefüllt zurück.

Du redest von „wir“, du betreibst das Online-Magazin nicht allein?
Nein, ich habe ein starkes Team, das mich tatkräftig unterstütz. „New Metal Media“ zählt jeden Monat über 600  000 Aufrufe. Die Besucher unserer Seite wollen regelmäßig mit neuem Lesestoff versorgt werden. Das würde ich alleine niemals schaffen. Neun ehrenamtliche Mitarbeiter liefern täglich neue Reviews und Artikel. Ferner haben wir deutschlandweit 22 ehrenamtliche Tester, die für uns unterwegs sind. Hinzu kommen viele Leser, die unsere Angaben durchaus auch prüfen und uns entsprechendes Feedback geben.

Die Besucher erhalten alle Informationen auf deiner Internetseite kostenfrei. Verdienst Du mit dem Magazin denn kein Geld?
Nein! Viele Menschen meinen, dass ich für meine Arbeit bezahlt werde. (Er lacht.) Alle, die an „New Metal Media“ beteiligt sind, einschließlich meiner Person, engagieren sich ehrenamtlich. Spenden, die wir hin und wieder mal erhalten, fließen zu 100 Prozent in andere soziale Projekte. So haben wir beispielsweise Rollstuhlrampen bauen lassen, um Locations dabei zu helfen, die Barrierefreiheit herzustellen und wir haben andere Projekte unterstützt, die darauf ausgerichtet sind, die soziale Inklusion für Menschen mit Behinderungen voranzutreiben.

In diesem Jahr wurdet ihr in der Kategorie „Alltagshelden“ für den Deutschen Bürgerpreis für Schleswig-Holstein nominiert. Was bedeutet Dir diese Nominierung?
Ich freue mich riesig darüber. Es ist das dritte Mal, das wir für diese Auszeichnung vorgeschlagen wurden. Aber das erste Mal, dass wir wirklich in die engere Wahl für den Bürgerpreis gekommen sind. Ein Sieg wäre natürlich eine unglaublich tolle Anerkennung unserer Arbeit, unseres Engagements. Darüber hinaus wäre es ein wichtiges Signal an die Veranstalter und Musiker, die uns bereits unterstützen, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Aber vor allem an die anderen, wie wichtig es ist, sich dem Thema Inklusion anzunehmen.

Wo soll die Reise von „New Metal Media“ noch hingehen?
Unter unserem Motto „In Metal We Are United – Inklusion muss laut sein“ wollen wir mit unserer Internetseite das Thema Inklusion natürlich noch intensiver in die Köpfe der Menschen bringen. Gerade auch in Anbetracht des demografischen Wandels wird dieses Thema immer mehr an Bedeutung gewinnen. Natürlich wollen auch wir noch intensiver auf die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Besucher mit Behinderungen eingehen. Nachdem wir mehr als die Hälfte der 5000 einzelnen Seiten unserer Homepage mit einer variablen Schriftvergrößerung und einer Vorlesefunktion ausgestattet haben, wollen wir unsere Texte zusätzlich in leichter Sprache anbieten. Dies soll es auch jenen Lesern ermöglichen, unsere Artikel zu verstehen, die aus unterschiedlichen Gründen über eine geringe Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen.

> Internet: www.new-metal-media.de

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