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Norddeutsche Rundschau

19. Oktober 2017 | 09:25 Uhr

In dieser Kita haben Männer das Sagen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Bei den Johannitern in Wellenkamp arbeiten überdurchschnittlich viele männliche Erzieher – in einem klassischen Frauenberuf

shz.de von
erstellt am 03.Sep.2015 | 05:00 Uhr

Conner hat sich weh getan. Weinend sitzt der Junge bei Lukas Gromke auf dem Schoß. Der Erzieher tröstet das Kind aus der Rabaukengruppe. „Zu mir kommen die Kinder genauso wie zu einer weiblichen Kollegin“, sagt der 19-Jährige.

Er ist seit einigen Tagen der dritte männliche Erzieher in der Kita der Johanniter in Wellenkamp. Damit sind mehr als 30 Prozent der Kindergärtner männlich – im Schnitt sind es im Bund nur 2,4 Prozent. Männer sind Mangelware in Kitas, es gibt staatliche Forschungs- und Förderprojekte, um ihren Anteil zu steigern. In Wellenkamp funktioniert das ganz ohne Unterstützung. Seit eineinhalb Jahren ist Steffen Harp Chef der Einrichtung. „Wahrscheinlich bin ich der einzige männliche Kitaleiter im Kreis“, sagt der 31-Jährige.

Für viele Kitas ist es nicht leicht, männliche Erzieher zu finden. „Für einige ist der Job finanziell nicht interessant – gerade wenn man nach einer fünfjährigen Ausbildung von dem Gehalt eine Familie finanzieren soll“, sagt Steffen Harp. Dennoch sei es wichtig, dass Kinder auch männliche Bezugspersonen hätten. Gerade bei der steigenden Zahl der Alleinerziehenden gebe es viele Kinder, die bis zum Wechsel auf die weiterführende Schule nur Frauen als Bezugspersonen hätten.

Viele Wissenschaftler finden es wichtig, dass Kinder auch von Männern erzogen werden, halten gemischte Teams wie in Wellenkamp für zielführend. Dadurch könnten Kinder erkennen, dass auch Männer soziale und erzieherische Kompetenzen haben.

Die Eltern seien meist froh über die Männer in der Kita, sagt Steffen Harp. Es gebe viele positive Rückmeldungen. Das Bild in der Gesellschaft von der Kindergärtnerin, die die Kinder betreut, habe sich gewandelt. „Ich finde es gut, dass ein Kind die Wahl hat, wem es sich anvertraut“, meint Harp. Vor allem Jungs genössen es, auch mal einen Mann als Bezugsperson zu haben, Mädchen seien da meist zu Anfang reservierter, so der Kita-Leiter. „Die haben mich erst nach und nach akzeptiert, weil es eben ungewöhnlich ist, dass ein Mann genau das macht, was auch eine weibliche Erzieherin macht.“

Sein Kollege Marlo Stolze sagt: „Bestimmt mache ich manches anders als weibliche Kollegen, aber bei den meisten Dingen sind wir uns schon ähnlich. Wir machen ja auch den gleichen Job.“ Die Männer in der Kita wickeln genauso wie ihre Kolleginnen die Kinder, malen und musizieren mit ihnen. Und sie spielen und toben – wie Marlo Stolze es gerade mit dem kleinen Thilo macht. „Marlo kann gut Fußball spielen“, sagt der Zweijährige und ruft dann fünfmal hintereinander den Namen seines Erziehers, der von sich sagt, dass er seinen Traumjob gefunden habe. „Ich wollte schon immer was mit den Lütten machen. Dafür bin auch manchmal belächelt worden, aber da stehe ich drüber.“ Die Entscheidung der Johanniter, mit Lukas Gromke noch einen dritten Erzieher einzustellen, sei im Team gefallen, sagt Steffen Harp. „Der ist sofort dabei, der spielt Gitarre, singt mit den Kindern – und ab geht’s.“

Und was ist nun der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Erziehern?

Miriam Krause muss es wissen. Die 24-Jährige arbeitet wie Steffen Harp in der Kita, seit sie im August 2013 eröffnet hat. Es sei irgendwie lustig und locker mit den Jungs, sagt die Erzieherin. Das zeige sich in der Arbeit im Team. „Da gibt es nicht so leicht Zickenkrieg, als wenn da nur Frauen wären.“

Diese Erkenntnis bestätigt auch die Wissenschaft. Eine Studie der London Business School aus dem Jahr 2007 zeigt, dass Teams, die zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzt sind, innovativer arbeiten. Miriam Krause meint, dass die Männer den Kindern auch schneller klar machen könnten, wann der Spaß vorbei sei und ernste Ansagen machen. „Das fällt mir nicht so leicht. Vielleicht macht es bei den Männern schon die respekteinflößendere tiefe Stimme“, sagt die junge Frau aus Horst. Natürlich würden die Männer eher mit den Jungs Fußball spielen oder auch mal die Boxhandschuhe überstreifen. Und vielleicht seien Männer auch ein wenig toleranter gegenüber wilden Kindern.

Marlo Stolze schüttelt den Kopf und sagt ernst: „Ich habe ja hier die Aufsichtspflicht und passe auf, dass nichts passiert. Und bei mir dürfen die Kinder auch keine wilden Rennen auf Bobby-Cars fahren.“ Etwas leiser fügt er hinzu: „Und wenn sie es doch machen, dann sage ich ihnen, dass sie zumindest so pfiffig sein sollen und das hinter dem Berg machen sollen, wo ich sie nicht so leicht sehe.“

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