Itzehoe : Immer rauf auf die Palette

Noch eine Kiste Pilze: Bernd Meyer ist auf dem Großmarkt mit einer Einkaufsliste unterwegs. Nur selten wirft er aber einen Blick darauf – was er für seine Itzehoer Kunden braucht, hat er im Kopf.
Foto:
Noch eine Kiste Pilze: Bernd Meyer ist auf dem Großmarkt mit einer Einkaufsliste unterwegs. Nur selten wirft er aber einen Blick darauf – was er für seine Itzehoer Kunden braucht, hat er im Kopf.

Landwirt Bernd Meyer aus Blomesche Wildnis kauft für seinen Itzehoer Marktstand nachts auf dem Hamburger Großmarkt ein.

von
17. Mai 2018, 05:01 Uhr

Unsere Serie berichtet über Menschen, die nachts arbeiten. Heute: Landwirt Bernd Meyer. Der Gemüsebauer aus der Blomeschen Wildnis steht wie jeden Donnerstag heute auf dem Itzehoer Wochenmarkt und verkauft seine Waren. Sie stammen aus eigenem Anbau, aber auch vom Hamburger Großmarkt, wo Meyer wie viele andere Händler nachts einkauft.

„Für mich ist das wie Einkaufen im Supermarkt“, sagt Bernd Meyer. Gemeint ist der nächtliche Ausflug des Gemüsebauern zum Hamburger Großmarkt. In der Nacht vor dem Markttag in Itzehoe steigt er um halb zwölf in seinen Lkw und düst nach Hamburg.

Dort angekommen, hat er es eilig. Zum Glück hat Meyer lange Beine. Wer ihm folgen will, muss schon einen Zahn zulegen. Dabei zieht der
47-Jährige auch noch stets eine Palette auf dem Hubwagen hinter sich her. Sie bleibt nicht lange leer. Abrupt bleibt er stehen, starrt auf drei Apfelkisten aus dem Alten Land und dreht sich einmal im Kreis. „Sag mal, hier fehlen doch noch vier Kisten?“, ruft er dem Verkäufer drei Meter weiter zu. Die Äpfel hat er per Whatsapp bereits vorbestellt, und der fehlende Rest wird nachgeliefert – nur noch bezahlen und rauf auf den Lkw.

Rückwärts fährt plötzlich in einem Affenzahn ein Gabelstapler an Meyer vorbei. „Halt, nicht so schnell“, mischt sich direkt Rainer Fröhlich von der Marktaufsicht ein. Von jetzt an bekommen Meyer und die Reporterin „Begleitschutz“, das Großmarkturgestein Fröhlich folgt ihnen unauffällig. Meyer lacht. Er lacht immer. Auch wenn es stressig wird. Ruhig ist er sowieso, trotz des zügigen Gangs. Seine Palette füllt sich dabei von Minute zu Minute. Salatköpfe rollt er auf sein Gefährt, ein paar Kisten Pilze, Schnittlauch und drei Kisten Erdbeeren. „Der Itzehoer ist eher konservativ. Ganz so exotische Sachen kaufe ich deshalb eigentlich nicht auf dem Großmarkt ein. Paprika, Gurken, Tomaten und Kohl bauen wir sowieso selbst an“, erzählt Meyer. Verstehen kann man ihn dabei fast nicht, denn im Hintergrund surren die Gabelstapler, die Verkäufer feilschen lautstark, und dann ist da noch Fröhlich, der ab und zu einen „Großmarktraser“ zur Seite pfeifen muss.

„Der Großmarkt ist wie eine Familie. Es sind manchmal zwar derbe Umgangsformen, aber hinterher nimmt man sich wieder in den Arm“, sagt Pressesprecherin Birgit Bartels. Trotzdem sei es früher noch wilder gewesen, sagt Meyer. „Da musste man aufpassen, dass einem nicht über die Füße gefahren wird.“ Bereits seit 1990 fährt der Landwirt zum Großmarkt, dazu sei er noch „erblich vorbelastet“. „Mein Opa hatte einen Gemüsegroßhandel. Er sammelte damals die Waren von den Bauern des Glückstädter Umlandes ein und verkaufte diese in Hamburg“, erzählt Meyer und zieht ein Bündel Scheine aus dem Portemonnaie. Bezahlt wird in der Markthalle in bar oder auf Rechnung.

Meyer schreitet weiter in die Kräuterecke. Hier riecht es nach Lavendel und Minze. „Rosmarin habt ihr nicht?“, fragt Meyer. „Kommt gleich“, antwortet der Verkäufer. Den Spruch kenne er, sagt Meyer. Wahrscheinlich steckt der Lkw mit der Lieferung noch auf der Autobahn fest.

Statt zu warten, wuchtet der 47-Jährige die letzten Kisten auf die Hebebühne seines Lkw und macht „Ladenschluss“. Er lässt sich auf den Fahrersitz sinken, nimmt einen Schluck Cola zum Wachbleiben und tritt den Heimweg an. „Zum Schluss, so gegen 4 Uhr morgens, fahre ich immer nochmal durch die Speicherstadt und am Hafen entlang. Die kleine Stadtrundfahrt ist bei meinem nächtlichen Ausflug auf den Hamburger Großmarkt eben inklusive“, sagt Meyer und macht sich auf den Weg Richtung Itzehoer Wochenmarkt.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen