Werksfeuerwehr am Kernkraftwerk Brokdorf : Immer bereit – aber noch nie ein Feuer

Hängepartie: Bei den Dimensionen der Kraftwerksgebäude werden von den Helfern auch Kletterkünste abverlangt.
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Hängepartie: Bei den Dimensionen der Kraftwerksgebäude werden von den Helfern auch Kletterkünste abverlangt.

Die Werksfeuerwehr am Kernkraftwerk besteht seit 25 Jahren. 150 Mitarbeiter stellen rund um die Uhr den Brandschutz sicher – ein Feuer gab es noch nie.

shz.de von
09. Mai 2015, 16:09 Uhr

Ein Traum für jede freiwillige Feuerwehr: Bis zu 150 Helfer stehen im Notfall zur Verfügung, eine Löschgruppe ist rund um die Uhr in Bereitschaft, zwei hauptamtliche Gerätewarte kümmern sich um Fuhrpark und Technik. Und auch der Wehrführer und der Chefausbilder kümmern sich um nichts anderes als um ihre Feuerwehr. Und das Beste: Seit der Gründung der Wehr gab es nicht einen Löscheinsatz. Das ist allerdings auch gut so. Bei der personell und technisch gut ausgestatteten Truppe handelt es sich nämlich um die Werksfeuerwehr am Kernkraftwerk Brokdorf. Und die kann jetzt auf ein 25-jähriges Bestehen zurückblicken.

Zuletzt gab es an dem Atommeiler im Jahre 1988 einen Löscheinsatz. „Bis dahin gab es hier nur eine betriebliche Löschgruppe“, sagt Wehrführer Mathias Marzalla. Dem Einsatz vor nunmehr 27 Jahren hat er seinen Arbeitsplatz zu verdanken. Kraftwerksbetreiber Eon stockte die Personalstärke der betrieblichen Feuerwehr auf rund 100 Mann auf und stellte einen hauptamtlichen Wehrführer ein. Ein Jahr später wurde beim für den Brandschutz zuständigen Kreis Steinburg der offizielle Antrag auf Anerkennung als betriebliche Feuerwehr gestellt. Am 28. März 1990 gab es dafür grünes Licht vom Landrat. Die Werksfeuerwehrleute feierten das kürzlich mit einem Jubiläumsball in Heiligenstedten.

„Bei uns machen weitestgehend nur Freiwillige mit“, hebt Marzalla das Engagement seiner Leute hervor. Etwa 50 Brandschützer kommen aus den Reihen der Eon-Belegschaft, die übrigen 100 rekrutieren sich aus den Firmen, die für Sicherheit rund um das Kraftwerk sorgen. Nachwuchssorgen hat Marzalla keine. Mit dem Bau des Zwischenlagers kam ein weiterer Schwung an Mitarbeitern, die zum Teil jetzt ebenfalls in der Werkswehr aktiv sind.

Seit 25 Jahren pflegt die Werkswehr auch enge Kontakte mit den für den Standort zuständigen Nachbarwehren aus Brokdorf, Dammfleth, Wewelsfleth und St. Margarethen sowie dem Kreisfeuerwehrverband. Zweimal im Jahr wird gemeinsam mit den Nachbarwehren geübt – stets unter den Augen der Atomaufsicht.

Schon 1996 durchliefen die ersten 65 Werksfeuerwehrleute die damals neu eingerichtete Atemschutzübungsstrecke in Breitenburg-Nordoe. Auch sonst wird bei den Brokdorfern Training in allen Varianten ganz groß geschrieben. Mal übt eine Abordnung in der Brand- und Wärmegewöhnungsanlage in Hamburg, mal gibt es Brandschutzschulungen im Übungsschiff der Bundesmarine. Um auch vor Ort trainieren zu können, wurde vor 15 Jahren auf dem Kraftwerksgelände sogar ein eigener Brandschutzübungsplatz eingerichtet.

Ständige Übungen halten die Werksfeuerwehrleute fit.
Ständige Übungen halten die Werksfeuerwehrleute fit.
 

Seit 14 Jahren kümmern sich zwei Mitarbeiter des Objektsicherungsdienstes hauptberuflich und im kontinuierlichen Schichtdienst um den zunehmenden Bestand an Ausrüstung. 2005 kamen zum Fuhrpark noch zwei Transportfahrzeuge mit einer Löschkanone und jeweils 2500 Litern Schaummittel hinzu. Der Kraftwerksbetreiber reagierte damit auf mögliche Flugzeugabstürze und deren Auswirkungen auf das Kernkraftwerk.

Ihre Hauptaufgabe sehen Marzalla und seine Truppe allerdings in der Vorbeugung. Regelmäßige Schulungen und Kontrollgänge gehören zum Tagesgeschäft. Es gibt auf dem Kraftwerksgelände permanente Brandstreifen. Und wenn es dann mal brennt? „Der Alarm läuft sofort in der Warte auf. Eine Löschgruppe mit neun Mann ist immer da“, erläutert Marzalla, der seinen Beruf als Feuerwehrmann von der Pike auf gelernt hat. Die Dienstpläne werden auch nach der Mitgliedschaft in der Werksfeuerwehrwehr gestaltet.

Für den 58 Jahre alten Wehrführer ist die Arbeit am KKW nur schwer mit der einer Flächen-Feuerwehr zu vergleichen. „Wir sind hier für ein kompaktes Industriegelände zuständig und haben neben der Dauerpräsenz nur kurze Wege“, zeigt er einen der Unterschiede auf. Dafür sehen sich seine Männer auch mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert. Abgesehen von dem sensiblen Feld der Arbeit mit Kernenergie müssen sie gewaltige Gebäude im Blick haben. „Das bedeutet für uns natürlich auch immer entsprechende Rettungswege.“

Für den Brandfall sei allerdings vorgesorgt. Neben einem zentralen Löschsystem gebe es überall im Gebäudekomplex verteilte Depots mit der wichtigsten Ausrüstung. Nicht zuletzt soll damit die Einsatzbereitschaft auch noch im Fall von Hochwasser sichergestellt werden. Mit die größte Herausforderung bleibt für Mathias Marzalla und seinen hauptamtlichen Ausbilder, den aus Glückstadt kommenden Michael Fares, die Mitglieder der Werkswehr ausbildungsmäßig stets auf hohem Niveau zu halten. Da es auf dem Gelände zuletzt 1988 gebrannt hat, wurde eigens ein Brandcontainer angeschafft, damit sich die Helfer auch mal im Umgang mit echten Flammen üben können.

In Notfällen hilft die Werkswehr aber auch schon mal in der Nachbarschaft. Als vor wenigen Jahren ein Hof in Flammen stand, waren zwei KKW-Brandstreifen die ersten am Ort des Geschehens. Sie traten eine Tür ein und retteten so zwei Bewohner. Auch bei einem Verkehrsunfall auf der am Kraftwerk vorbei führenden B 431 waren sie als Ersthelfer im Einsatz. Jede Hilfe zu spät kam allerdings, als vor acht Jahren ein Gerüst an der Kuppel einstürzte und zwei Mitarbeiter einer Fremdfirma mit in den Tod riss.

„Die externen Feuerwehren haben die Löscherfahrung, wir die Ortskenntnis und das Spezialwissen“, sagt Marzalla, der sich sich beim Brandschutz gut aufgestellt sieht. Am liebsten würde er auch das nächste Jubiläum wieder ohne Rückblick auf einen Löscheinsatz feiern. Beim zehnjährigen Jubiläum tanzten die Werksfeuerwehrleute im Colo, das 20- und das 25-jährige wurden in Heiligenstedten gefeiert. Das 30-jährige Bestehen könnte dann auch schon das Ende der großen Werksfeuerwehr einläuten. Ein Jahr später läuft der Betrieb im Kraftwerk aus.

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