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Norddeutsche Rundschau

18. August 2017 | 22:54 Uhr

Rettungswesen : Im Zweifel den Notruf wählen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Leitstelle in Elmshorrn verzeichnet erhebliche Zunahme an Anrufen. Experte plädiert für Medizinfachmann als Zwischeninstanz.

Wer im Kreis Steinburg den Notruf 112 wählt, landet automatisch in der Kooperativen Regionalleitstelle West (KRLS) in Elmshorn. Täglich gehen dort durchschnittlich 390 Anrufe von Hilfe suchenden Menschen ein – 143  000 im Jahr. 143  000 Situationen, in denen die Disponenten blitzschnell entscheiden müssen, ob am anderen Ende der Leitung ein Menschenleben in Gefahr ist.

Wie in diesem Fall: Als eine 70-Jährige aus dem Itzehoer Umland nach dem Aufstehen in das Schlafzimmer ihres pflegebedürftigen Mannes kam, lag dieser nur mit einer Unterhose bekleidet auf dem Boden. Wie lange schon, wusste sie nicht. „Er war eiskalt und nicht ansprechbar, weil er dement ist.“ Wegen seiner Vorerkrankungen – Herzinfarkt, Diabetes, Schlaganfall – war die zierliche Frau in Panik. „Ich schaffte es nicht, ihn allein ins Bett zurück zu heben. Also rief ich den Notruf an.“

Weil der Disponent vorschlug, Nachbarn zur Hilfe zu holen, bat sie den zuständigen Hausarzt, einen Rettungswagen zu rufen. Der Rettungsdienst kam und brachte den Mann ins Krankenhaus. „Ich dachte, dass er in Lebensgefahr ist“, erklärt die Frau. Tatsächlich war dem nicht so. Ihr Mann hat keine Folgen davon getragen. Trotzdem: Die 70-Jährige ist empört über die Entscheidung des Leitstellen-Mitarbeiters.

Unsere Zeitung hakte bei der KRLS nach, nach welchen Kriterien entschieden wird, ob ein Rettungswagen entsendet wird. „Der Kollege hat richtig gehandelt, die Anruferin hatte jedoch andere Erwartungen, welche Hilfe notwendig ist“, äußerte sich Stephan Bandlow, Abteilungsleiter der KRLS West zu dem konkreten Vorfall. „Wir prüfen anhand eines strukturierten medizinischen Fragenkatalogs ab, ob eine Gefahr für den Patienten besteht. Wenn – wie in diesem Fall – ein Mediziner den Notruf wählt, gehen wir davon aus, dass er genau diese Fakten vor Ort abgeprüft hat und entsenden ohne weitere Abfrage einen Rettungswagen.“

Bei anderen Anrufern handele es sich meistens um Laien, die den Sachverhalt zwangsläufig nicht einschätzen können, so Bandlow. Die Notrufnummer zu wählen sei daher grundsätzlich richtig. „Im Zweifel die 112 anrufen und sich vom Disponenten beraten lassen. Im Zweifel entscheiden wir uns lieber einmal zu viel für einen Einsatz.“

Aber nicht jeder Anruf sei eben auch ein Notfall, auch wenn eine Laie dies zunächst so einschätzt. Wegen Bagatellen wie Grippe, Schnupfen oder Husten die 112 zu wählen, sei leider keine Seltenheit mehr. Bandlow: „Wir beobachten eine erhebliche Zunahme an Anrufen, weil das System Rettungsdienst so zuverlässig ist. Man darf aber nicht erwarten, dass bei jedem Anruf sofort der Rettungswagen mit Blaulicht und quietschenden Reifen um die Ecke geprescht kommt. Ob das so ist, liegt im Ermessen der Kollegen. Die Anrufer müssen im Zweifel damit leben, wenn wir auf andere, für diesen Fall besser geeignete Dienste verweisen wie den Hausarzt oder ärztlichen Bereitschaftsdienst.“ Den erreicht man unter 116117 (siehe Infokasten).

Immer häufiger würden die Kollegen tatsächlich erst vor Ort feststellen, dass der Anruf eigentlich kein Fall für die 112 gewesen wäre, erklärt auch Christian Mandel, Pressesprecher Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH) gGmbH. „Die Qualität der Notrufe hat sich verändert. Die Leute rufen heute an wegen eines eingewachsenen Fingernagels“, formuliert er das Problem überspitzt. „Der Rettungsdienst ist die Feuerwehr für alles in der Medizin. Wer nicht weiter weiß, wählt 112.“

Die Ambulanzen der Kliniken seien deshalb überfüllt, Rettungskapazitäten würden unnötig blockiert. Mandel sieht die Ursache dieses Problems im System. „In Steinburg gibt es beispielsweise nur einen Bereitschaftsarzt, der zuständig ist für ein Gebiet von Kollmar bis Hademarschen. Da dauert es nachts und am Wochenende Stunden bis er Patienten erreicht, weil die Distanzen so groß sind.“ Ein zweiter Arzt arbeitet parallel zu dem „fahrenden Kollegen“ außerhalb der normalen Sprechzeiten in der Anlaufpraxis der kassenärztlichen Vereinigung am Klinikum Itzehoe. Immer mehr Patienten würden den Notruf missbrauchen nach dem Motto: „Die roten Hosen öffnen Türen und verkürzen Wartezeiten.“

Eine entscheidende Rolle spiele auch Demografie. „Mortalität sinkt, Morbidität steigt. Die Menschen werden deutlich älter, die Krankheiten werden mehr“, nennt auch Bandlow einen Grund für steigende Anrufzahlen. Familienstrukturen seien heute dezentraler, immer mehr Menschen auf sich allein gestellt. „Und der Hausarzt hat heute einen anderen Stellenwert als früher, dabei spielt gerade der Hausarzt eine wichtige Rolle, weil er die Patienten über einen längeren Zeitraum kennt und besser einschätzen kann.“ Statt in die Praxis gehen viele gleich ins Krankenhaus – obwohl sie da eigentlich fehl am Platze sind.

Das muss sich ändern. Darin sind sich Bandlow und Mandel einig. Und sie haben auch Ideen, wie Kliniken und Rettungsdienst entlastet werden können: Bandlow sieht in der engeren Zusammenarbeit von Leitstellen und ärztlichem Notdienst unter einem Dach – idealerweise in der Person des Disponenten vereint – Perspektiven, um Anrufer dem für ihn optimalen Versorgungspfad zuzuordnen. „Dann müssen wir auch nicht mehr auf die 116117 verweisen, sondern können direkt helfen.“

Mandels Visionen gehen noch einen Schritt weiter: bedarfsgerechte Behandlung, die nicht gleich Klinik bedeute. „Eine Zwischeninstanz wäre toll: Ein Medizinfachmann, der mit ärztlicher Kompetenz im Hintergrund agieren kann. Er kann an den Hausarzt verweisen oder mittels Telemedizin via Skype mit einem Arzt den Patienten über einen Monitor bewerten, um dann zu entscheiden: Muss der Patient wirklich ins Krankenhaus?“

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erstellt am 28.Dez.2016 | 05:57 Uhr

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